Das Bell-Megendie-Gesetz 1811 – Zwei Wissenschaftler, ein Gesetz

In diesem Artikel
Die Neuroanatomin Marian Diamond beschrieb das Gehirn so: „Das Gehirn ist eine drei Pfund schwere Masse (1,36 Kilogramm), die ein Universum von hundert Milliarden Lichtjahren Ausdehnung begreifen kann.“
Beim Menschen bilden Gehirn, Rückenmark und Nerven das Nervensystem. Sensorische Neuronen (Nervenzellen) werden durch unterschiedliche Reize aktiviert, beispielsweise durch eine Berührung der Haut. Motorische Neuronen verbinden das Nervensystem mit den Muskeln und lösen Muskelbewegungen aus.
Ein historischer Streit um Wissenschaft und Ethik
Ein wichtiges Gesetz der Medizingeschichte, das Bell-Magendie-Gesetz, besagt, dass sensorische Nerven dorsal (von der Rückseite des Rückenmarks) in das Rückenmark eintreten. Motorische Neuronen verlassen das Rückenmark dagegen ventral (an der Vorderseite). Das unter der Hand verbreitete Buch des schottischen Anatomen Charles Bell Idea of a New Anatomy of the Brain (1811) enthält Hinweise auf experimentelle Arbeiten zur motorischen Funktion der ventralen Rückenmarksnerven. Obwohl es als eine der Grundlagen der klinischen Neurologie gilt, belegte es die sensorische Funktion der dorsalen Nerven nicht eindeutig.
1822 entdeckte der unabhängig von Bell arbeitende französische Physiologe François Magendie, dass die ventrale Nervenwurzel mit motorischen Funktionen verbunden und die dorsale Wurzel sensorisch ist. Durch Versuche und anatomische Untersuchungen an Säugetieren zeigte er, dass sich durch die systematische Zerstörung bestimmter Nerven Lähmung oder Gefühllosigkeit hervorrufen lässt. Obwohl Bell und Magendie heftig darüber stritten, wer das Gesetz tatsächlich entdeckt hatte, trägt es heute die Namen beider Wissenschaftler.
Regelungen für Tierversuche
Magendies öffentliche Tierversuche führten zur Einbringung eines Gesetzentwurfs in England, der Tiermisshandlung verbieten sollte. Bei einem Vorfall sezierte er einen lebenden, an Ohren und Pfoten festgenagelten Windhund, indem er eine Gesichtshälfte aufschnitt. Der Hund wurde am Leben gelassen, um am folgenden Tag weitere Schnitte vorzunehmen. Selbst Ärzte, die den Einsatz von Tieren in der medizinischen Forschung befürworteten, hielten Magendies Umgang mit Tieren für äußerst gleichgültig und gewissenlos.
Der Streit zwischen Bell und Magendie hatte auch eine ethische Dimension. Magendie wurde häufig wegen seiner Tierversuche kritisiert; in manchen Fällen wurde ihm vorgeworfen, den Tieren unnötige Schmerzen und Qualen zugefügt zu haben. Bell kritisierte seine Haltung in dieser Frage. Dies war ein wichtiger Wendepunkt in der Medizingeschichte, denn durch diese Auseinandersetzungen rückten Tierversuche und ihre ethische Bedeutung stärker in den Mittelpunkt.
Erläuterung der Artikelabbildung: Rückansicht der Wirbelsäule mit grün markierten Nerven. Sensorische Nerven treten auf der Rückenseite in den hinteren Teil des orange dargestellten Rückenmarks ein. Motorische Neuronen treten auf der Bauchseite aus der Vorderseite des Rückenmarks aus.
Im Artikel erwähnte historische Persönlichkeiten: Sir Charles Bell (1774–1842), François Magendie (1783–1855)
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Quellen
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