Die geheime Autobahn des Krebses: Gaspare Aselli und die Entdeckung der MILCHGEFÄSSE

In diesem Artikel
Tag 50 (Reihe „Krebsgeschichte in 365 Tagen“)
Das vermisste Netzwerk, das die heimliche Reise des Krebses durch den Körper erklärt, tritt in Mailand in einem „Heureka!“-Moment ans Licht.
In unserem vorherigen Beitrag sahen wir, wie Wilhelm Fabry bei einer Brustkrebsoperation bemerkte, dass der Tumor zur Achselhöhle „vorrückte“, und durch die Entfernung der dortigen Drüsen die chirurgische Onkologie revolutionierte. Doch es blieb ein riesiges Fragezeichen: Wie gelangte der Krebs von der Brust in die Achselhöhle? Nach dem damaligen Wissen gab es im Körper nur Blutgefäße. Warum folgte Krebs bestimmten Stationen, den Drüsen, statt sich mit der Geschwindigkeit des Blutes im ganzen Körper zu verteilen? Das 1622 von Gaspare Aselli rein zufällig entdeckte „Lymphsystem“ zeichnete die anatomische Karte der Fähigkeit des Krebses, sich auszubreiten und zu metastasieren, und versetzte dem tausendjährigen Dogma der „schwarzen Galle“ den letzten Schlag. Heilung beginnt damit, die Reise der Zelle zu verstehen.
An einem heißen Julitag des Jahres 1622 ereignete sich in Mailand ein Moment, der die Medizingeschichte für immer verändern sollte. Der Anatomieprofessor der Universität Pavia, Gaspare Aselli, sezierte einen gut genährten lebenden Hund, um die Nerven im Bauchraum zu untersuchen.
Als er das Darmgekröse, das Mesenterium, öffnete, sah er erstaunliche, feine, weiße und netzartig verflochtene Stränge, die in Anatomiebüchern noch nie beschrieben worden waren. Zunächst hielt er sie für ein Nervengeflecht. Als er jedoch mit seinem scharfen Skalpell einen der Stränge anstach, sah er, wie eine weiße, milchähnliche Flüssigkeit herausspritzte.
„Heureka!“
„Eine Weile stand ich schweigend da... Mir kamen die Debatten der Anatomen in den Sinn. Dann stach ich einen dieser weißen Stränge an. Plötzlich sah ich eine weiße, milchähnliche Flüssigkeit herausspritzen. Kaum konnte ich meine Freude unterdrücken und rief den Umstehenden wie Archimedes zu: Ich habe es gefunden!“Die „Milchgefäße“ und der erste farbige Atlas der Medizingeschichte
Aselli hatte ein völlig neues Gefäßsystem gefunden, das kein Blut, sondern eine milchweiße Flüssigkeit transportierte, die wir heute als Lymphe kennen. Er nannte diese Gefäße venae albae aut lacteae (weiße oder milchige Gefäße). Heute nennen wir dieses System Lymphsystem .
De Lactibus Sive Lacteis Venis (1627)
Dieses Werk, in dem Aselli seine Entdeckung schilderte, gilt als erster farbiger Anatomieatlas der Medizingeschichte. Die Darstellung schwarzer Gefäße vor blutrotem Hintergrund in Holzschnitten löste eine visuelle Revolution im Anatomieunterricht aus.
Die Entdeckung, die die Krebstheorie veränderte: Der Weg der Metastasen gefunden
Asellis Entdeckung des Lymphsystems leitete für die Onkologie eine Ära der „Aufklärung“ ein. Sie erschütterte zwei große Tabus über Krebs:
Es wurde klar, dass die verhärteten Drüsen (Lymphknoten), die Fabry aus der Achselhöhle entfernt hatte, durch die von Aselli entdeckten weißen Gefäße verbunden waren. Man stellte fest, dass Krebszellen diese „geheime Autobahn“ für ihre Reise durch den Körper nutzten.
Vesalius (Tag 47) hatte bewiesen, dass es keinen „Gang der schwarzen Galle“ gab. Nachdem Aselli eine wirkliche Flüssigkeit gefunden hatte, vertraten Ärzte die Ansicht, dass Krebs nicht durch eine imaginäre schwarze Galle, sondern durch Gerinnung oder Verderb der Lymphflüssigkeit entstehe.
Eine neue Angst beginnt: „Krebs ist ansteckend!“
Die geheime Autobahn im Körper war gefunden, und man begann zu glauben, Krebs breite sich durch die Gerinnung von Flüssigkeiten aus. Dieses neue Wissen löste jedoch bei Bevölkerung und Ärzten eine furchtbare Paranoia aus. Wenn Krebs mit dieser weißen Flüssigkeit wie ein Gift durch den Körper reisen konnte, konnte er dann auch von Körper zu Körper springen?
Der Arzt im Mittelpunkt von Rembrandts berühmtem Gemälde „Die Anatomie“, Nicolaes Tulp, sollte diese Angst in wissenschaftliches Entsetzen verwandeln. Morgen werden wir Zeugen jener dunklen „Ansteckungskrise“, durch die Krebskranke wie Leprakranke aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden.
Heilung liegt im Dialog des Körpers
Der Moment, in dem Gaspare Aselli die weißen Stränge im Mesenterium des Hundes bemerkte, ist der entscheidendste Wendepunkt der modernen Onkologie. Wenn wir heute beim Brustkrebs den „Sentinel-Lymphknoten“ verfolgen oder Lymphomtherapien planen, folgen wir tatsächlich der milchfarbenen Flüssigkeit, die Aselli an jenem Tag herausspritzen sah.
In unserer Geschichte des Krebses ist das Lymphsystem sowohl ein Weg der Gefahr als auch ein Wegweiser zur Heilung. Während Krebszellen diesen Weg zur „Flucht“ nutzen, verwenden wir ihn, um unsere „präzisen Therapien“ ans Ziel zu bringen und die Erkrankung rechtzeitig zu erkennen. Heilung bedeutet, die verborgenen Wege im Körper zu entdecken und dort „Wiederherstellung“ zu erreichen. Morgen reisen wir zur Ansteckungsangst, einem der dunkelsten Irrtümer der Medizin.
Wissenschaftliche Quellen und vertiefende Lektüre
- 1. Aselli G. De lactibus sive lacteis venis. Mediolani: Apud Jo. Baptistam Bidellium, 1627.
- 2. Park J, Riva MA. „Gaspare Aselli und Lacteis Venis: Vier Jahrhunderte seit der Entdeckung des Lymphsystems.“ The American Surgeon, 2023.
- 3. Faguet GB. Eine kurze Geschichte des Krebses: Meilensteine als Grundlage unseres Wissens. International Journal of Cancer, 2015.
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