Eine Prostatakrebswelle rollt heran

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Am 4. April 2024 warnte die Lancet-Kommission für Prostatakrebs davor, dass weltweit ein unvermeidlicher Anstieg von Prostatakrebs bevorstehe. Bis 2040 werde die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen auf 2,9 Millionen steigen und die Zahl der Todesfälle um 85 Prozent auf fast 700.000 zunehmen.
Bei einem Treffen von Urologen in Paris erklärte die Kommission, dass diese Beschleunigung in einkommensstarken Ländern wie den USA und dem Vereinigten Königreich bereits begonnen habe, jedoch in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen an Dynamik gewinnen werde.
Zusammenfassung des Berichts
- Die jährliche Zahl neuer Prostatakrebsfälle wird den Prognosen zufolge von 1,4 Millionen im Jahr 2020 auf 2,9 Millionen bis 2040 steigen. Veränderungen der Altersstruktur und eine höhere Lebenserwartung werden einen starken Anstieg der Erkrankungen bewirken.
- Der Anstieg der Prostatakrebsfälle lässt sich weder durch Änderungen des Lebensstils noch durch Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit verhindern.
- Eine späte Diagnose von Prostatakrebs ist weltweit verbreitet, insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Dort ist sie zur Norm geworden. Die einzige Möglichkeit, die Schäden durch steigende Fallzahlen zu begrenzen, besteht darin, in diesen Ländern dringend Systeme zur Früherkennung aufzubauen. Studien zur Früherkennung sind dringend erforderlich, um die frühzeitige Diagnose zu verbessern.
- Früherkennungssysteme werden neue Kombinationen von Berufsgruppen und die zunehmenden Möglichkeiten künstlicher Intelligenz integrieren müssen, um die Auswertung von Früherkennungsuntersuchungen und Biopsieproben zu unterstützen.
- Da der Anstieg von Prostatakrebs wahrscheinlich auch zu einer Zunahme anderer Erkrankungen wie Diabetes und Herzkrankheiten führen wird, sollten Früherkennungsprogramme nicht nur auf Prostatakrebs, sondern umfassender auf die Männergesundheit ausgerichtet sein.
- Es werden Aufklärungsprogramme über soziale und traditionelle Medien benötigt, die weltweit verbreitete Smartphones nutzen, um über Prostatakrebs zu informieren. Zugleich sind Programme erforderlich, die Menschen bei der Nutzung der Gesundheitssysteme unterstützen.
- Obwohl die Erkrankungsraten bei Männern afrikanischer Herkunft doppelt so hoch sind, konzentriert sich die Prostatakrebsforschung unverhältnismäßig stark auf Männer europäischer Herkunft. Die Ursachen ethnischer Unterschiede bei dieser Erkrankung besser zu verstehen ist eine wichtige Forschungspriorität.
- Die Behandlung von fortgeschrittenem Prostatakrebs bleibt schwierig. Kostengünstige Therapien sind vorhanden, aber ungleich verteilt. Ihr konsequenter Einsatz ist ein kosteneffektiver Weg, die Schäden durch Prostatakrebs zu verringern.
- In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen mangelt es weiterhin an spezialisierten Chirurgen und Geräten für die Strahlentherapie. Diesen Mangel zu beheben ist entscheidend, um die Prostatakrebsversorgung weltweit zu verbessern.
Einschätzungen von Fachleuten
Dr. Nick James, Hauptautor des Lancet-Berichts und Professor für Prostata- und Blasenkrebsforschung am Institute of Cancer Research in London, erklärte, der Anstieg sei zum Teil eine medizinische Erfolgsgeschichte.
James sagte: „Prostatakrebs ist paradoxerweise ein in der Biologie verankertes Problem. Mit zunehmendem Alter bekommen Männer Prostatakrebs“.
„In einkommensstarken Ländern gibt es einen starken Anstieg. In den kommenden Jahrzehnten werden wir jedoch in ärmeren Ländern einen großen Zuwachs der Menschen im Alter von 50, 60 und 70 Jahren erleben. Das bedeutet mehr Prostatakrebs. Aus demselben Grund werden auch einkommensstarke Länder wie das Vereinigte Königreich und die USA kleinere Zuwächse verzeichnen.“
Laut dem Bericht „wird die Begründung für eine Prostatakrebsfrüherkennung bei allen Männern im Alter von 50–70 Jahren und allen Männern afrikanischer Herkunft im Alter von 45–70 Jahren in einkommensstarken Ländern immer stärker. Dazu tragen der verbesserte Einsatz von Technologien wie der MRT und die zunehmenden Belege für die Sicherheit der aktiven Überwachung bei.“
Andrew Vickers, Biostatistiker am Memorial Sloan Kettering Cancer Center, sagte, die Lancet-Kommission sei zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt wie er und eine internationale Forschungsgruppe in einem 2023 in The BMJ veröffentlichten Artikel . Vickers zufolge ist eine wesentliche Schwachstelle der falsche Einsatz der Früherkennung mit dem prostataspezifischen Antigen (PSA).
Vickers sagte: „Wir stellten fest, dass die Politik, die Entscheidung den Patienten zu überlassen, bei Männern zu einem übermäßigen Einsatz von PSA, hohen Raten von Überdiagnosen und Übertherapie sowie wirtschaftlichen und ethnischen Ungleichheiten geführt hat. Unserer Ansicht nach sollte PSA-Früherkennung entweder gut umgesetzt werden – etwa durch einfache Strategien zur Schadensbegrenzung wie eine Beschränkung der Untersuchungen bei älteren Männern und zusätzliche Tests vor einer Biopsie – oder überhaupt nicht stattfinden“.
James wies darauf hin, dass fortgeschrittene Erkrankungen häufig unzureichend behandelt werden. Als Beispiel führte er an, dass in den USA Männer mit metastasiertem, also im Körper ausgebreitetem Prostatakrebs nur zu etwa 30–40% die erforderliche Hormonbehandlung erhalten. „Indem wir unser vorhandenes Wissen anwenden, können wir die Behandlungsergebnisse leicht verbessern“, erklärte er.
James erklärte, Männer afrikanischer Herkunft hätten ein doppelt so hohes Prostatakrebsrisiko. Es sei jedoch unklar, ob ihre Behandlung anders erfolgen müsse. Der neue Bericht unterstreicht, dass mehr Männer afrikanischer Herkunft in Studien einbezogen werden müssen.
Dr. Brandon Mahal, Mitautor des Berichts und stellvertretender Forschungsleiter am Sylvester Comprehensive Cancer Center der University of Miami, sagte, es seien neue Ansätze zur früheren Diagnose von Prostatakrebs bei Männern in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen erforderlich. In diesen Ländern stellten sich die meisten Patienten mit metastasierter Erkrankung vor und hätten geringere Chancen auf ein langes Überleben.
James schlug vorübergehende Kliniken und mobile Testangebote vor, um Männer mit hohem Prostatakrebsrisiko, die sich jedoch gesund fühlen, zur Früherkennung potenziell tödlicher Krebserkrankungen zu bewegen.
In England stellte James beispielsweise das mobile Programm The Man Van vor, das Männern mit hohem Risiko in London kostenlose Gesundheitsuntersuchungen einschließlich PSA-Tests anbietet.
„Indem wir ein Fahrzeug mit schnellen und einfachen Tests zu Arbeitsplätzen und in die Gemeinden brachten und gezielt Männer mit höherem Prostatakrebsrisiko ansprachen, konnten wir Tausende Gesundheitsuntersuchungen durchführen und fast 100 Krebsfälle diagnostizieren. Diese Männer hätten womöglich erst bei weiter fortgeschrittener Erkrankung einen Arzt aufgesucht“, sagte er.
James erklärte, die medizinische Fachwelt sei auf den weltweiten Anstieg der Prostatakrebsfälle nicht vorbereitet.
„Die Lösung kann nicht darin bestehen, mehr Urologen, Strahlentherapeuten, Pathologen und Radiologen auszubilden, denn das dauert schlicht zu lange“, sagte James. Ein verstärkter Einsatz von Pflegekräften und künstlicher Intelligenz könne jedoch helfen. „In meinem eigenen Krankenhaus werden Biopsien von Pflegekräften geleitet und durchgeführt. Künstliche Intelligenz ist bei der Diagnose bereits außerordentlich gut und wird nur noch besser werden“, sagte er.
In weniger entwickelten Ländern können Smartphones eine wichtige Lücke in der Gesundheitsversorgung schließen. Technologien der künstlichen Intelligenz sind in der Bildverarbeitung, etwa bei der Gesichtserkennung, bereits sehr erfolgreich und können bestimmte Prostatakrebsformen wie Gleason 7 erkennen. Einer breiten Einführung dieser Innovationen in vielen westlichen Ländern steht jedoch die Sorge entgegen, dass sich die Einkommen von Pathologen dadurch verringern könnten.
Quellen
2. Prostate Cancer Tsunami Coming, Experts Caution - Medscape - April 04, 2024.
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