Ernährungswissenschaft – Eine neue Artikelserie beleuchtet die Ernährung von allen Seiten
Obwohl die Ernährung zum wichtigsten Gesundheitsthema geworden ist, ist die Ernährungsbildung weltweit unzureichend. So befassen sich beispielsweise weniger als 1% der Prüfungsfragen im Medizinstudium mit Ernährungsthemen.

In diesem Artikel
Der folgende Text erschien in der weltweit führenden medizinischen und wissenschaftlichen Fachzeitschrift NEJM am 11. April 2024 unter dem Titel „Nutrition in Medicine — A New Review Article Series“.
Weltweit werden jedes Jahr etwa 11 Millionen Todesfälle mit unzureichender und ungünstiger Ernährung in Verbindung gebracht. Dazu zählen Ernährungsweisen mit hohem Natriumgehalt sowie einem geringen Anteil an Vollkornprodukten und Obst.
Unzureichende oder falsche Ernährung trägt zu schweren Gesundheitsproblemen bei, darunter Adipositas infolge übermäßiger Energiezufuhr, Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Schlaganfall, Typ-2-Diabetes sowie insbesondere Magen- und kolorektaler Krebs.
Aus diesen Gründen folgt heute in westlichen Gesellschaften fast jeder 4. Mensch einem bestimmten Ernährungsmuster. Der Zusammenhang zwischen der Nahrungsaufnahme und der Gesundheit ist jedoch komplex und noch nicht vollständig verstanden.
Ernährungsbildung wird vernachlässigt
Die neuesten Daten zeigen, dass die Lehrpläne zur Ernährung weltweit unzureichend sind und nur 1% der Prüfungsfragen im Medizinstudium Ernährungsthemen betreffen. Das überrascht kaum, denn viele Medizinstudierende und Ärzte greifen auf alternative Quellen zurück, um fehlendes Ernährungswissen zu ergänzen. Sie berichten außerdem über Unsicherheiten bei der Beurteilung des Ernährungszustands und bei grundlegenden Ernährungsstrategien. Dies zeigt erhebliche Lücken in der Ernährungsbildung von Gesundheitsfachkräften.
Die komplexe Dynamik der Ernährung
Die Situation wird dadurch zusätzlich erschwert, dass neben den traditionellen Ursachen zunehmend neue Gründe für Mangelernährung erkannt werden. Dazu gehören ein niedriger sozioökonomischer Status, Einschränkungen der Ernährung und chronische Erkrankungen.
Die wachsende Beliebtheit von Behandlungen wie bariatrischen Operationen und Medikamenten zur Gewichtsabnahme macht es erforderlich, mögliche Risiken einer unzureichenden oder falschen Ernährung bei den behandelten Patienten sorgfältig zu überwachen. Mangelernährung bei älteren Erwachsenen wird insbesondere angesichts der Prognose, dass bis 2060 ein Viertel der Menschen in vielen westlichen Gesellschaften über 65 Jahre alt sein wird, zu einem immer dringlicheren Problem. Die Beurteilung des Ernährungszustands älterer Erwachsener wird durch Faktoren wie häufige Begleiterkrankungen, die Einnahme mehrerer Medikamente und Entscheidungen am Lebensende erschwert. Diese Umstände erfordern daher ein sensibles und sorgfältiges Vorgehen.
Viele Fachgesellschaften fordern eine umfassendere Ernährungsbildung sowohl für bereits praktizierende als auch für künftige Ärzte. Zu den vorgeschlagenen Kernkompetenzen gehören eine angemessene Ernährung in verschiedenen Lebensphasen, grundlegende Nährstoffe, evidenzbasierte Ernährungsweisen, Malnutrition beziehungsweise unzureichende oder falsche Ernährung sowie das Ernährungsmanagement bei Krankheiten.
Nahrung ist Medizin
Heute rücken Länder in ihren Ernährungsstrategien den Ansatz „Nahrung ist Medizin“ in den Vordergrund und betonen damit, dass klinisch tätige Fachkräfte mehr Ernährungsbildung benötigen.
- Präzisionsernährung,
- Lebensmittelzusatzstoffe,
- Genetisch veränderte Lebensmittel,
- Metabolomik und Proteomik,
- Klimawandel und Nahrungsmittelknappheit,
- Tele-Ernährungsberatung,
- Kulinarische Medizin und
- Neue Ernährungsbiomarker
Die laufende Forschung auf diesen Gebieten erweitert unser Wissen in diesem spannenden Bereich, der weiterer Forschung bedarf.
Die Ernährungswissenschaft mit einer neuen Artikelserie eingehend untersuchen
Um diese Wissenslücken zu schließen, hat die Fachzeitschrift NEJM angekündigt, eine neue Reihe von Übersichtsartikeln zu starten, deren Themen von
- der grundlegenden „Pharmakodynamik“ von Lebensmitteln,
- über die Wechselwirkungen zwischen Darm und Immunsystem
- bis zur Rolle des Darmmikrobioms bei Gesundheit und Krankheit reichen.
Wir erkennen die entscheidende Bedeutung einer angemessenen und ausreichenden Ernährung an, insbesondere wichtiger Bestandteile wie der patientenorientierten Ernährungsberatung und der multidisziplinären Versorgung, die sich in gedruckten Materialien nur schwer behandeln lassen. Diese Serie soll unser Verständnis der Ernährungswissenschaft vertiefen und wertvolle Beiträge für unsere praktische Arbeit liefern.
Diese Übersichtsartikel sollen eingehend beleuchten, wie Lebensmittel ausgewählt, verzehrt, verdaut und verstoffwechselt werden. Mithilfe dieses Wissens möchten wir Ärzte dabei unterstützen, ihr Vorgehen bei der Vorbeugung und Behandlung verschiedener häufiger Erkrankungen zu individualisieren.
Lassen Sie uns das Konzept „Nahrung zum Nachdenken“ hinter uns lassen und den Ansatz „Nahrung in der Praxis“ annehmen, um die Gesundheit unserer Patienten weltweit zu verbessern. Dieser Wandel unterstreicht, dass Nahrung nicht nur Gegenstand des Nachdenkens sein, sondern aktiv in der medizinischen Praxis eingesetzt werden sollte.
Quellen
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