Früh auftretender Krebs – eine weltweite Epidemie?

Früh auftretender Krebs bei Erwachsenen – meist definiert als Krebsdiagnose vor dem 50. Lebensjahr – nimmt offenbar zunehmend das Ausmaß einer weltweiten Epidemie an. Darauf machte ein Artikel vom 6. Oktober 2022 in Nature Reviews Clinical Oncology aufmerksam.
Das Thema fiel zunächst bei kolorektalem Krebs (Dickdarmkrebs) auf. Früh auftretender kolorektaler Krebs nimmt nachweislich zu; der Trend scheint jedoch weit über Darmkrebs hinauszugehen. Forschende verfolgten in den vergangenen 30 Jahren frühe Krebsdiagnosen bei 14 verschiedenen Krebsarten, darunter Brust-, Prostata- und Schilddrüsenkrebs, und fanden in vielen Ländern Zunahmen.
Die Autoren berichteten, dass 8 der untersuchten 14 Krebsarten den Verdauungstrakt betreffen. Damit betonten sie die mögliche Rolle der Ernährung und erklärten, dass das Mund- und Darm-Mikrobiom hierbei eine Rolle für das Krebsrisiko spielen könnte. Viele Einflussfaktoren sind zudem veränderbar, etwa Ernährung, Adipositas, Bewegung, Schlaf und Impfungen gegen HPV sowie andere krebserregende Mikroorganismen.

Erläuterung der Abbildung: Menschen sind im Laufe ihres Lebens verschiedenen Einflüssen ausgesetzt, sogar schon in der Keimzellphase vor der Empfängnis. Einige können Krebsrisikofaktoren sein. Angesichts der langen Entstehungszeiträume wird angenommen, dass Expositionen im frühen Leben (von der Schwangerschaft bis zur Jugend) und im jungen Erwachsenenalter pathogenetische Rollen bei früh auftretendem Krebs spielen, hier als Diagnose im Alter von ≤50 Jahren definiert. Die genetische Anfälligkeit beruht auf erblichen Veränderungen mit einem Spektrum von niedriger bis hoher Penetranz. Gen-Umwelt-Interaktionen können zu jedem Zeitpunkt im Leben auftreten. Die Abbildung verdeutlicht auch wichtige Schwierigkeiten bei der Erforschung der Ursachen früh auftretenden Krebses.
Tomotaka Ugai und Shuji Ogino von der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston, Massachusetts, erklären: „Unsere unmittelbaren Ziele sollten sein, das Bewusstsein für die Epidemie früh auftretender Krebserkrankungen zu erhöhen und die Exposition gegenüber diesen Risikofaktoren zu verringern.“
Der aktuelle Artikel berichtet, dass eine Zunahme der Krebsfrüherkennungsuntersuchungen zur früheren Erkennung beiträgt, zugleich aber auch eine tatsächliche Zunahme bestimmter früh auftretender Krebsarten zu beobachten ist.
Ugai, Ogino und ihr Team kartierten anhand einer Literaturübersicht Trends der Häufigkeit von 14 Krebsarten bei Erwachsenen zwischen 20 und 49 Jahren in 44 Ländern während 2002 – 2012.
Die Forschenden fanden seit den 1990er-Jahren weltweit eine Zunahme früh auftretender Krebserkrankungen in Brust, Kolorektum, Endometrium (Gebärmutter), Speiseröhre, extrahepatischen Gallengängen, Gallenblase, Kopf-Hals-Bereich, Nieren, Leber, blutbildendem System, Bauchspeicheldrüse, Prostata, Magen und Schilddrüse.
In den Vereinigten Staaten betrug beispielsweise während 2002-2012 die durchschnittliche jährliche prozentuale Veränderung bei Nierenkrebs 3,6% für Frauen und 4,1% für Männer, bei multiplem Myelom 2% für Frauen und 3% für Männer.
Die Forschenden räumen ein, dass „die spezifischen Auswirkungen einzelner Expositionen weitgehend unbekannt sind“. Der allgemeine Trend könnte jedoch die zunehmende Exposition gegenüber Risikofaktoren im frühen Leben und jungen Erwachsenenalter widerspiegeln.
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich Ernährung, Schlaf, Rauchen, Adipositas, Typ-2-Diabetes und Umweltexpositionen wesentlich verändert. Nach Ansicht der Forschenden könnten all diese Faktoren das Darmmikrobiom beeinflussen oder mit unseren Genen interagieren und so frühe Krebserkrankungen häufiger machen. Beispielsweise sind Adipositas, Rauchen und Alkohol etablierte Risikofaktoren für Bauchspeicheldrüsenkrebs und auch mit dem Risiko früh auftretender Erkrankungen verbunden.
Fazit Krebs ist multifaktoriell. Die Bedeutung genetischer Risiken und von Früherkennung ist bekannt, doch dieser Artikel verdeutlicht den Stellenwert veränderbarer Lebensgewohnheiten, die den Anstieg früh auftretender Krebserkrankungen deutlich verlangsamen könnten. Ernährung und Bewegung können die Krankheitslast verringern, solche Änderungen umzusetzen ist jedoch oft schwierig. Weitere Forschung muss außerdem klären, welche Wirkung bestimmte Faktoren wie Alkohol, Adipositas, körperliche Aktivität und spätes Kinderbekommen auf das Krebsrisiko haben. Schon jetzt gibt es aber genügend Gründe, diese Faktoren für individuelle und öffentliche Gesundheitsvorteile anzugehen.
Quellen
2. Megan Brooks. Is Early-Onset Cancer an Emerging Global Epidemic? - Medscape - Sep 26, 2022.
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