Ist hier jemand Arzt? Ein Flugzeugabsturz im Urlaub

Ein Notfall kann jederzeit und überall eintreten. Ärzte können sich dabei manchmal in der Lage wiederfinden, als Einzige helfen zu können. Auch Dr. Todd Dorfman war in einem solchen Notfall der einzige mögliche Helfer. Er berichtet von seinem Erlebnis:
Wir waren am Vorabend in einem Haus am Kezar-See angekommen, um dort eine Woche mit den Geschwistern meiner Frau und der Familie zu verbringen. In dieser Nacht schlief ich im Schlafzimmer im Obergeschoss. Plötzlich wachte ich auf, weil jemand meinen Namen rief. Ich sprang sofort aus dem Bett und rannte nach unten. Meine Kinder beobachteten ein Flugzeug, das in den See gestürzt war. Es war auf dem Wasser aufgeschlagen und lag kopfüber. Mein Schwager und ich sprangen in ein kleines Boot und fuhren so schnell wie möglich zur Unglücksstelle.
Bis auf einige auf dem Wasser treibende Wrackteile war alles versunken. Eine Frau tauchte auf, schrie und tauchte wieder unter. Ich sprang sofort ins Wasser. Sie versuchte, ihren Mann und ihren dreijährigen Sohn aus dem zerquetschten vorderen Teil des Flugzeugs zu befreien. Schließlich konnten auch beide entkommen und auftauchen.
Der Pilot war gestorben. Ein Stück des linken Flügels hatte seine Brust durchbohrt.
Lauren, deren Namen ich erst später erfuhr und die etwa 5-6 Jahre alt war, hing irgendwo kopfüber angeschnallt fest und war bewusstlos. Das Wasser war trüb, aber ich konnte sie erkennen. Ihre Mutter und ich tauchten immer wieder unter und zogen an der Tür, doch leider konnten wir sie nur etwas verbiegen. Ich konnte hineinreichen, aber den Sicherheitsgurt nicht öffnen. Ich überlegte, durch die Windschutzscheibe einzusteigen, spürte jedoch den Treibstoff im Wasser. Ich wollte nicht im Flugzeug ertrinken. Deshalb tauchte ich auf und rief: „Hat jemand ein Messer?“ Mein Schwager fuhr zum Ufer. „Bring auf dem Rückweg ein Messer mit!“, rief ich ihm zu.
Ich befand mich auf einem Flugzeugteil. Mein Neffe rief: „Onkel Todd! Onkel Todd! Ein Messer!“ Er hatte es mir zugeworfen, doch es flog viel zu hoch und fiel ins Wasser. Ich tauchte danach, aber das schwarze Messer war kaum zu finden. Durch reinen Zufall war es auf einem weißen Flugzeugteil gelandet. Es hätte auch viel tiefer sinken können.
Zum Glück fand ich das Messer und reichte es der Mutter. Sie konnte den Sicherheitsgurt durchschneiden, und wir zogen Lauren an die Oberfläche. Ich legte sie auf ein schwimmendes Wrackteil. Sie hatte keinen Puls, und ihre Pupillen waren weit und starr. Ihre Mutter schrie: „Ist sie tot?“ Ich begann mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung . Meine Haut und meine Augen brannten und schmerzten wegen des Treibstoffs im Wasser. Lauren begann zu atmen, ihr Herz schlug wieder. Sie erbrach sich. Ich versuchte, ihre Atemwege freizuhalten. Wir brachten sie mit wieder vorhandenem Puls ans Ufer. Nun erlitt sie anoxische Krampfanfälle durch den Sauerstoffmangel im Gehirn. Nach dem Sauerstoffmangel wurde ihr Gehirn wieder mit Sauerstoff versorgt, was epileptische Anfälle auslöste. Ich beatmete sie weiterhin, doch sie krampfte heftig, und ich konnte sie nicht kontrollieren. Ihre Mutter Beth weinte. Während ich sie behandelte, wollte sie ihre Tochter festhalten.
Endlich war der Rettungswagen da. Es war wie eine Szene aus dem II. Weltkrieg. Die einzige Sauerstoffmaske war alt, rissig und für Lauren zu groß, passte aber irgendwie auf mein Gesicht. Also atmete ich den Sauerstoff ein und gab ihn an Lauren weiter. Ich tat, was ich konnte, hatte aber keinerlei Material. Keine Ausrüstung für einen Venenzugang, keine Infusionslösung, nichts. Ich bat jemanden, im Maine Medical Center anzurufen, wo ich meine notfallmedizinische Ausbildung absolviert hatte, und einen Life-Flight-Hubschrauber anzufordern.
Wir mussten einen Platz erreichen, an dem der Hubschrauber landen konnte. Deshalb fuhren wir mit dem Rettungswagen auf den Parkplatz des nächstgelegenen Geschäfts. Der Hubschrauber kam, und sobald sich die Tür öffnete, rief eine Frau heraus: „Todd!“ Es war Heather, die Flugrettungspflegerin, die ich aus meiner Ausbildung vor vielen Jahren kannte.
Alle geeigneten Geräte waren vorhanden. Lauren bekam sofort eine Sauerstoffmaske und einen Venenzugang, und die Krampfanfälle wurden beendet. Kurz darauf stabilisierte sich ihr Zustand. Im Hubschrauber war noch ein Sitz frei, deshalb sagte ich ihrer Mutter Beth, sie solle mitfliegen. Sie hoben ab.
Plötzlich begann ich, meine Entscheidung infrage zu stellen. Ich wusste, dass Lauren mindestens 15 Minuten unter Wasser gewesen war, aber nicht genau wie lange. Hatte ich richtig gehandelt? Hatte ich womöglich ein hirntotes Kind wiederbelebt? In diesem Moment hatte ich darüber nicht nachdenken können. Ehrlich gesagt bin ich mir aber nicht sicher, was ich getan hätte, wenn dieses Kind in die Notaufnahme gebracht worden wäre.
Für den Rest der Nacht hörte ich nichts mehr von dem kleinen Mädchen. Am nächsten Tag fragte ich herum, erfuhr aber nichts. Schließlich erreichte ich einen Arzt auf der pädiatrischen Intensivstation, an der ich ausgebildet worden war. Endlich bekam ich Auskunft über Lauren. Sie war vollständig aufgewacht und hatte gesagt: „Ich muss auf die Toilette.“ Das war alles, sie war zu 100% normal. Ich konnte es nicht glauben.
Bei Kindern gibt es einen sogenannten Glottisreflex. Ich vermute, dass er beim Sturz ins Wasser einsetzte und ihre Atemwege verschloss. Als sie bewusstlos wurde, gelangte dadurch nicht viel Wasser in die Lunge. Darin war noch genügend Luft, um sie am Leben zu halten. Später rief Laurens Onkel an. Weil er weinte, verstand ich ihn kaum, aber so weit ich es heraushören konnte, ging es Lauren großartig.
Drei Tage später besuchte ich Lauren mit meiner Frau und meinen Kindern zu Hause. Ich bat sie, mir etwas vorzulesen. Um ihre Motorik zu beurteilen, beobachtete ich sie beim Spielen. Ich achtete auf alles; sie war völlig normal.
Laurens Mutter Beth erzählte, ihre Mutter habe ihr vor dem Unfall ein Armband geschenkt, das die Familie „Wunderarmband“ nannte. Es sollte uns einmal im Leben ein Wunder ermöglichen. Sie habe es in jener Nacht getragen, nun sei es aber verschwunden. „Dass Lauren gerettet wurde, war mein Wunder“, sagte sie.
Interessant ist, dass ich in Boulder, Colorado, wo ich 20 Jahre lebte, alle Abläufe von Notfalldienst, Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst leitete. Ich schrieb sämtliche Protokolle. Keinem Rettungssanitäter würde ich empfehlen, zur Rettung eines Menschen in Flugzeugtreibstoff zu tauchen. Es war gefährlich, aber in diesem Moment handelte ich völlig reflexhaft.
Ich glaube, dieses Erlebnis hat mich gelehrt, in manchen Situationen nicht aufzugeben, weil wir wirklich nicht wissen, was passieren wird.
*
Der obige Beitrag ist eine Übersetzung der Geschichte von Dr. Todd Dorfman, verfasst von der Medscape-Redakteurin und Autorin Sarah Tucker.
Quellen
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