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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie
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Kältetherapie gegen chemotherapiebedingte Nervenschäden: Wirkt sie wirklich?

Kältetherapie gegen chemotherapiebedingte Nervenschäden: Wirkt sie wirklich?
In diesem Artikel

Lässt sich eine der belastendsten Chemotherapie-Nebenwirkungen durch Kryotherapie verhindern?

Chemotherapiebedingte periphere Neuropathie gehört für Krebspatienten zu den besonders belastenden Nebenwirkungen. Doch Kryotherapie, also Kältebehandlung, zeichnet sich als wirksame und risikoarme Möglichkeit gegen diese Nervenschäden ab.

Neuere Untersuchungen zeigen insbesondere bei Patienten unter taxanbasierter Chemotherapie (Docetaxel, Paclitaxel), dass Kryotherapie das Risiko einer Neuropathie deutlich senkt . Trotz vielversprechender Ergebnisse gilt sie jedoch noch nicht als Standardbehandlung. Gründe sind unter anderem mangelndes Wissen, praktische Schwierigkeiten und fehlende standardisierte Protokolle.

Wie funktioniert Kryotherapie?

Chemotherapiebedingte periphere Neuropathie äußert sich meist an Fingern und Zehen durch Taubheit, Kribbeln, Schmerzen und gelegentlich Verlust an Muskelkraft . Häufig entsteht eine starke Überempfindlichkeit gegen Temperatur und Berührung.

Das Risiko hängt von der Chemotherapie ab. Taxane wie Paclitaxel und Docetaxel sowie platinhaltige Medikamente wie Cisplatin und Oxaliplatin sind mit dem höchsten Neuropathierisiko verbunden.

Bei der Kryotherapie werden Hände und Füße während der Chemotherapieinfusionen niedrigen Temperaturen zwischen -30 und 4 Grad ausgesetzt, wodurch sich die Blutgefäße verengen. So gelangt weniger Chemotherapeutikum in Finger und Zehen, was Nervenschäden verhindern könnte.

Manche Kliniken erproben außerdem „Kryokompression“, bei der zusätzlich Druck ausgeübt wird.


Gibt es wissenschaftliche Belege für Kryotherapie?

Neue Untersuchungen zeigen ihre Wirksamkeit:

  • Eine 2024 veröffentlichte Metaanalyse untersuchte mehr als 2800 Patienten mit Brustkrebs, gastrointestinalen und gynäkologischen Tumoren. Kryotherapie senkte das Risiko einer chemotherapiebedingten peripheren Neuropathie um 77% (RR: 0,23).

  • Eine weitere Metaanalyse mit überwiegend Brustkrebspatientinnen umfasste 11 Studien mit 2250 Patienten und zeigte folgende Wirkungen:

    • Das Risiko sensorischer Neuropathie sank um 35% (RR: 0,65).

    • Das Risiko motorischer Neuropathie sank um 82% (RR: 0,18).


Warum wird die Methode nicht breit eingesetzt?

Trotz wissenschaftlicher Belege gibt es mehrere Gründe, warum Kryotherapie noch keine Standardanwendung ist:

  1. Mangelndes Bewusstsein: In einer Befragung von 184 Onkologen und anderen klinisch Tätigen zu diesem Thema gaben nur 60% an, Kryotherapie als Behandlungsoption zu kennen , und lediglich 25% empfahlen sie ihren Patienten routinemäßig.

  2. Fehlendes Standardprotokoll: Es gibt keine klare Leitlinie zu Kühldauer, optimaler Temperatur und der Frage zusätzlicher Kompression.

  3. Praktische Schwierigkeiten: Das Wechseln von Eisbeuteln sowie das bedarfsweise Ausziehen von Handschuhen und Kühlstiefeln durch die Patienten verursachen praktische Probleme.

  4. Fehlende eindeutige klinische Belege: Die meisten bisherigen Studien sind klein; manche beruhen auf retrospektiven Analysen. Randomisierte kontrollierte Phase-3-Studien fehlen weiterhin.

  5. Fehlende Kostenübernahme: Viele Krankenversicherungen übernehmen Kryotherapie nicht, was den Zugang einschränkt.


Fazit und Einordnung

In manchen Chemotherapiezentren verbreitet sich Kryotherapie bereits. Außerdem ist mit 800 Patienten eine große klinische Phase-3-Studie geplant.

Die Ergebnisse sind sehr vielversprechend, und Kryotherapie ist risikoarm. Deshalb lohnt es sich, sie auszuprobieren.

Kryotherapie ist ein vielversprechender Ansatz zur Vorbeugung chemotherapiebedingter Neuropathie. Bestätigen größere klinische Studien ihre Wirksamkeit, könnte sie die Onkologie revolutionieren!

Quellen

1. Tai, HY., Lin, LY., Huang, TW. et al. Efficacy of cryotherapy in the prevention of chemotherapy-induced peripheral neuropathy: A systematic review and meta-analysis. Support Care Cancer 32, 482 (2024). https://doi.org/10.1007/s00520-024-08680-3

2. Jia J, Guo Y, Sundar R, Bandla A, Hao Z. Cryotherapy for Prevention of Taxane-Induced Peripheral Neuropathy: A Meta-Analysis. Front Oncol. 2021 Nov 29;11:781812. doi: 10.3389/fonc.2021.781812. PMID: 34912720; PMCID: PMC8667340.

3. Chan A, Elsayed A, Ng DQ, Ruddy K, Loprinzi C, Lustberg M. A global survey on the utilization of cryotherapy and compression therapy for the prevention of chemotherapy-induced peripheral neuropathy. Support Care Cancer. 2022 Dec;30(12):10001-10007. doi: 10.1007/s00520-022-07383-x. Epub 2022 Oct 10. PMID: 36214880; PMCID: PMC9715474.
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