Melancholischer Krebs: Galen und die Theorie der schwarzen Galle

In diesem Artikel
21. Tag (Reihe: Geschichte des Krebses in 365 Tagen)
In der Medizingeschichte gibt es Persönlichkeiten, deren Worte über Jahrhunderte als Gesetz gelten. Galen von Pergamon (129-216 n. Chr.) war eine solche Gestalt. Er übernahm die Beobachtungen des Hippokrates, verband sie mit der Physik des Aristoteles und schuf eine unerschütterliche „medizinische Verfassung“.
Für Galen war der menschliche Körper ein Gleichgewichtsspiel aus vier grundlegenden Säften (Humores), statt lediglich aus festen Organen zu bestehen: Blut, Schleim, gelbe Galle und als gefährlichster Saft ... schwarze Galle (Atra Bilis).

1. Der Bodensatz des Blutes: Was ist schwarze Galle?
In seinem Werk De atra bile (Über die schwarze Galle) beschreibt Galen den Ursprung des Krebses mit beängstigender Bestimmtheit. Für ihn ist Krebs weder ein von außen kommender Erreger noch ein genetischer Fehler. Krebs ist ein vom Körper selbst produziertes Gift.
Atra Bilis (Melaina Chole)
„Kalt, trocken, erdig und schwarz ... Ein schwerer Bodensatz, der im Blut absinkt. Dieser Stoffwechselabfall müsste normalerweise von der Milz gereinigt werden. Geschieht dies nicht, sammelt er sich in den Gefäßen, verdickt sich und zersetzt das Gewebe von innen.“
Nach dieser Theorie begann die Katastrophe, wenn die Milz ihre Aufgabe nicht erfüllte oder die Leber aufgrund schlechter Ernährung, etwa durch zu viel Kohl, Linsen oder altes Fleisch, übermäßig viel schwarze Galle produzierte.
2. Schrittweise Krebsentstehung: der galenische Mechanismus
Galen erklärte die Krebsentstehung (Pathogenese) mit einem hydraulischen System, das uns heute primitiv erscheint, damals aber äußerst plausibel wirkte. So verlief der tödliche Kreislauf:
3. Krebsbeine und melancholische Frauen
Galen gab auch Hippokrates' Vergleich mit einem Krebs (karkinos) eine physiologische Erklärung. Die geschwollenen, violett verfärbten Gefäße um einen Brusttumor deutete er nicht als versorgende Blutgefäße, sondern als Krebsbeine, die „mit der vom Tumor ausgespienen schwarzen Galle gefüllt“ seien.
Melancholie (Melas: schwarz, Chole: Galle): Diese Theorie brachte neben medizinischen auch gesellschaftliche Zuschreibungen mit sich. Nach Galen neigten Frauen stärker zur Ansammlung schwarzer Galle, da sie von Natur aus „kälter“ seien.
Besonders bei Frauen in den Wechseljahren glaubte man, diese „dunkle Flüssigkeit“, die nicht mehr mit der Menstruation ausgeschieden werde, sammle sich in der Brust und verursache Krebs. Über Jahrhunderte galt eine krebskranke Frau nicht nur als krank, sondern auch ihrem Wesen nach als „düster, depressiv und toxisch“.
Verwendete Quellen
- Galen. De atra bile (On Black Bile).
- Karenberg A. "De atra bile: An (auto)biography of cancer." Synapsis: A Health Humanities Journal.
- Hajdu SI. "A Note from History: Landmarks in History of Cancer." Cancer.
- Papavmidis N, et al. "The Crab: Facing Cancer in Greco-Roman Antiquity." Antigone Journal.
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Die richtige Intuition einer falschen Theorie
Heute wissen wir, dass es keine Flüssigkeit namens „schwarze Galle“ gibt. Galens Theorie nahm jedoch, wenn auch möglicherweise aus falschen Gründen, eine entscheidende onkologische Erkenntnis richtig vorweg: Krebs ist eine systemische Erkrankung und geht über eine örtliche Schwellung hinaus.
Mit den Worten „Es reicht nicht, den Tumor herauszuschneiden, denn das Gift zirkuliert im Blut“ lehnte Galen die Chirurgie ab (therapeutischer Nihilismus). Obwohl diese Auffassung die Entwicklung der Chirurgie jahrhundertelang hemmte, kann sie als früher Vorläufer des heutigen Begriffs „mikroskopische Metastasierung“ und von Behandlungen wie der Chemotherapie gelten, die den ganzen Körper erreichen. Galen irrte, doch selbst dieser Irrtum zwang die Medizin, den Menschen als Ganzes zu betrachten.