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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie
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Mundbakterien und das Risiko für Kopf-Hals-Krebs – Neue Erkenntnisse

Mundbakterien und das Risiko für Kopf-Hals-Krebs – Neue Erkenntnisse
In diesem Artikel

Kopf-Hals-Krebserkrankungen bezeichnen eine Gruppe von Krebsarten, die Organe und Strukturen im Kopf-Hals-Bereich betreffen. Dazu gehören Mund, Rachen, Nasenhöhle, Nebenhöhlen, Speicheldrüsen und Kehlkopf. Mehr als 90% sind Plattenepithelkarzinome, die aus Epithelzellen entstehen (HNSCC = head and neck squamous cell cancer). Wenn von Kopf-Hals-Krebs gesprochen wird, ist daher meist zunächst das Kopf-Hals-Plattenepithelkarzinom gemeint, weil dieser Zelltyp den weitaus größten Anteil der Erkrankungen in dieser Region ausmacht.

Kopf-Hals-Krebs ist weltweit verbreitet. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden jährlich etwa 900.000 Neuerkrankungen diagnostiziert; mehr als 450.000 Menschen sterben daran. Besonders in Regionen mit verbreitetem Tabak- und Alkoholkonsum treten diese Krebsarten häufiger auf.

Kopf-Hals-Krebs: Bekanntes und Unbekanntes

Einige Risikofaktoren sind gut beschrieben. An erster Stelle stehen Tabakkonsum, übermäßiger Alkoholkonsum und Infektionen mit humanen Papillomviren (HPV) . Rauchen spielt besonders bei Kehlkopf- und Mundkrebs eine wichtige Rolle; übermäßiger Alkoholkonsum vervielfacht das Risiko ebenfalls. HPV-Infektionen sind insbesondere bei oropharyngealen, also den Mund-Rachen-Raum betreffenden Krebsarten bedeutsam.

Andere mögliche Risikofaktoren sind jedoch noch nicht ausreichend bekannt. Beispielsweise hat der Zusammenhang zwischen Mundhygiene und parodontalen Erkrankungen und Kopf-Hals-Krebs in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit erhalten. Deshalb wächst die Zahl der Studien zur Verbindung zwischen Mundbakterien und diesen Krebsarten. Auch ungünstige Ernährungsgewohnheiten, Störungen des Immunsystems und bestimmte genetische Veranlagungen gelten als mögliche Risikofaktoren. Ihre Rolle bei der Krebsentstehung muss jedoch weiter untersucht werden.

Warum könnten Mundmikroorganismen das Kopf-Hals-Krebsrisiko beeinflussen?

Neue Befunde deuten darauf hin, dass auch Mundmikroorganismen an der Entstehung dieser Krebsarten beteiligt sein könnten. Während die Verbindung zwischen Mundgesundheit und allgemeiner Gesundheit zunehmend betont wird, zeigt eine am 26. September 2024 in JAMA Oncology veröffentlichte Studie, dass Mundbakterien das Kopf-Hals-Krebsrisiko erhöhen könnten. Dies eröffnet Möglichkeiten für individuell angepasste Vorbeugungsansätze.

Zusammenhang zwischen Mundbakterien und Kopf-Hals-Plattenepithelkarzinom

Methode und Ziel der Studie

Die Studie sollte untersuchen, ob Mundbakterien und Pilze mit dem Risiko für Kopf-Hals-Krebs zusammenhängen. Dafür verglichen die Forscher 236 Teilnehmer, die Kopf-Hals-Krebs entwickelten, mit 485 Kontrollpersonen ohne Krebserkrankung. Sie untersuchten die Vielfalt des oralen Mikrobioms und Zusammenhänge mit bestimmten Mikroorganismen. Dies kann helfen, den Einfluss der Mundmikrobiota auf Krebs besser zu verstehen.

Mikrobielle Vielfalt und Kopf-Hals-Krebsrisiko: Wichtige Ergebnisse

Die allgemeine Vielfalt des Mikrobioms zu Beginn war nicht unmittelbar mit dem Kopf-Hals-Krebsrisiko verbunden. Bestimmte Bakterienarten spielten dagegen eine wichtige Rolle bei der Krankheitsentstehung. Insbesondere wurden Prevotella salivae, Streptococcus sanguinis und Leptotrichia sowie mehrere Bakterienarten aus den Gruppen der Beta- und Gamma-Proteobacteria mit Kopf-Hals-Krebs in Verbindung gebracht.

Dies deutet darauf hin, dass manche Bakterien ein größeres krebserzeugendes Potenzial haben als andere. Weitere Untersuchungen ihrer biologischen Mechanismen könnten neue Strategien zur Verringerung des Krebsrisikos ermöglichen.

Parodontaler Erregerkomplex und Kopf-Hals-Krebsrisiko: Eine neue Perspektive

Der im Mund häufige rote/orange parodontale Erregerkomplex zeigte einen mäßigen Zusammenhang mit dem Kopf-Hals-Krebsrisiko. Das Risikoverhältnis (OR) betrug 1,06 bei einem 95%-Konfidenzintervall (KI) von 1,00 bis 1,12. Demnach nahm das Risiko mit jedem Anstieg um 1 Standardabweichung (SD) um 6% zu. Dies unterstreicht, dass parodontale Erkrankungen nicht nur für das Zahnfleisch, sondern auch im Hinblick auf das allgemeine Krebsrisiko wichtig sind.

Mikrobieller Risikoscore und Kopf-Hals-Krebs: Die Bedeutung der Zahlen

Das Team entwickelte einen mikrobiellen Risikoscore mit 22 Bakterien. Mit jedem Anstieg um 1 SD erhöhte sich das HNSCC-Risiko um 50% (multivariable OR 1,50; 95%-KI 1,21 bis 1,85). Dies gilt als wichtiger quantitativer Hinweis auf den möglichen Einfluss von Mundbakterien auf Kopf-Hals-Krebs. Solche Risikoscores könnten künftig für individuelle Risikobewertungen vielversprechend sein.

Pilze und Kopf-Hals-Krebsrisiko: Der erwartete Zusammenhang blieb aus

Interessanterweise wurde kein Zusammenhang zwischen Pilztaxa und Kopf-Hals-Krebsrisiko gefunden. Demnach spielen die bakteriellen Bestandteile des oralen Mikrobioms eine deutlichere Rolle bei der Krankheitsentstehung, während Pilze nicht mit diesem Risiko verbunden waren.

Fazit: Künftige individuelle Strategien zur Krebsvorbeugung

Die Studie zeigt, dass bestimmte Mundbakterien stark mit dem Kopf-Hals-Krebsrisiko verbunden sein könnten. Nach Ansicht der Autoren könnten die identifizierten Bakterien und Bakterienkomplexe gemeinsam mit anderen Risikofaktoren genutzt werden, um besonders gefährdete Personen zu erkennen. Dies könnte zur Entwicklung individuell angepasster Vorbeugungsansätze beitragen.

Empfehlungen und weitere Forschung

Diese Untersuchung ist ein wichtiger Schritt zum Verständnis der komplexen Verbindung zwischen Mundgesundheit und Krebs. Weitere Studien müssen jedoch genauer klären, welche Rolle die Bakterien bei den biologischen Vorgängen der Kopf-Hals-Krebsentstehung spielen. Eine bessere parodontale Gesundheit könnte sowohl bei Zahnfleischerkrankungen als auch beim Krebsrisiko Vorteile bieten. Zudem könnten Werkzeuge wie mikrobielle Risikoscores in der klinischen Anwendung neue Möglichkeiten zur frühzeitigen Erkennung eines erhöhten Krebsrisikos eröffnen.

Quellen

Kwak S, Wang C, Usyk M, et al. Oral Microbiome and Subsequent Risk of Head and Neck Squamous Cell Cancer. JAMA Oncol. Online veröffentlicht am 26. September 2024. doi:10.1001/jamaoncol.2024.4006
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