Wie Pestkranke ausgegrenzt: Ansteckungsangst und die tragische Entstehung der ersten Krebskrankenhäuser

In diesem Artikel
Tag 52 (Die Geschichte des Krebses in 365 Tagen)
Die Geschichte gesellschaftlicher Ausgrenzung durch einen medizinischen Irrtum: aus Angst entstandene Onkologiezentren und verbannte Patienten in Reims.
In der dunklen Zeit vom Ende des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts mussten Krebspatienten nicht nur gegen ihre körperlichen Schmerzen, sondern auch gegen die Angst und den Ekel der Gesellschaft ihnen gegenüber kämpfen. Die Erklärung einer medizinischen Autorität, die Krankheit sei „ansteckend“, war zu einem gesellschaftlichen Urteil geworden, das Patienten aus ihren Häusern und Städten vertrieb.
Verschlossene Türen und der Schatten der „Miasma“-Angst
Damals war Krebs besonders im fortgeschrittenen Stadium durch geschwürige, übel riechende und blutende Wunden gekennzeichnet. Die Ärzte hielten strikt an der „Miasma“-Theorie (Schlechte Luft) fest, der zufolge Krankheiten über die Luft übertragen wurden.
Man begann zu glauben, der Geruch aus offenen Wunden vergifte die Luft und übertrage Krebs auf gesunde Menschen in derselben Umgebung.
Traditionsreiche Krankenhäuser wie das Hôtel-Dieu weigerten sich, Krebspatienten aufzunehmen, um „andere Patienten und das Personal zu schützen“.
Familien hatten Angst bekommen, krebskranke Angehörige im selben Haus zu behalten, und setzten sie auf der Straße aus. Krebspatienten galten wie Leprakranke im Mittelalter als verfluchte Gestalten. In Einrichtungen wie Saint-Lazare in Polen gab man diesen Patienten im Volksmund nur einen Namen: „Die Verwesenden“ (Putrefied).
Ein Licht der Barmherzigkeit in Reims und der Aufstand der Stadt
In dieser Zeit, in der die Patienten sich in Verzweiflung wanden, brach der Dompriester der französischen Stadt Reims, Jean Godinot (1661-1749), sein Schweigen. Godinot spendete 25000 Pfund aus seinem eigenen Vermögen und ließ eine besondere Einrichtung errichten, die ausschließlich Krebspatienten versorgen sollte.
Hôpital des Cancers (1740)
Als dieses erste „Krebskrankenhaus“ der Weltgeschichte seine Türen öffnete, traf es nicht auf die erwartete heilende Atmosphäre, sondern auf massiven öffentlichen Protest. Die Einwohner von Reims hatten Todesangst, der Rauch aus den Schornsteinen und die aus den Fenstern entweichende Luft des Krankenhauses könnten vom Wind in ihre Häuser getragen werden und ihre Kinder „vergiften“.
Unter dem Druck der Bevölkerung und ihrer endlosen Hysterie mussten die örtlichen Behörden 1779 nachgeben. Dieses erste Krebskrankenhaus der Geschichte wurde mitsamt seinen Patienten außerhalb der Stadtmauern auf einen einsamen Hügel weit entfernt von Wohngebieten verlegt. In der Geschichte der Onkologie findet „räumliche Ausgrenzung“ in diesem Ereignis ihren konkretesten Beleg.
Aus Angst entstandene spezialisierte Onkologiezentren
Hier liegt die große Ironie der Geschichte: „Spezialisierte Onkologiezentren“, die heute zu den größten Errungenschaften der modernen Medizin zählen, entstanden erstmals nicht aus dem Bedürfnis nach wissenschaftlicher Weiterentwicklung, sondern aus der Ansteckungsangst der Gesellschaft und ihrem Wunsch, Patienten außer Sichtweite zu bringen.
Die Bevölkerung hatte sie vor die Stadt verbannt; doch die Patienten in diesen isolierten Stationen hatten unwissentlich eine Laborumgebung geschaffen, in der die Medizin diese geheimnisvolle Krankheit erstmals „gemeinsam und gezielt“ untersuchen konnte. Diese Isolation bereitete den Boden für neue Theorien, die beweisen sollten, dass Krebs tatsächlich nicht ansteckend ist, sondern mit den inneren Systemen des Körpers (lymphatischen Autobahnen) zusammenhängt.
In unserem Artikel zu Tag 53 besuchen wir die Welt von François de le Boë Sylvius, der Chemie und Medizin mit der Behauptung verband, Krebs sei nicht „schwarze Galle“, sondern „übersäuerte Lymphflüssigkeit“.
Wissenschaft und Mitgefühl müssen an die Stelle der Angst treten
Prof. Dr. Mustafa Özdoğan & Redaktion
Diese staubigen Seiten der Geschichte flüstern uns zu: Wenn wissenschaftliche Informationen (wie die Angst vor Ansteckung) falsch gedeutet werden, kann gesellschaftliche Stigmatisierung zerstörerischer sein als der Krebs selbst. Wenn unsere Onkologiezentren heute in den zentralsten Teilen der Städte, mitten im Leben stehen, ist dies das Ergebnis des stillen Kampfes, den mutige Köpfe wie Jean Godinot begonnen haben.
Präzise Begleitung erfordert, unsere Patienten nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftlich anzunehmen. Um eine vollständige biologische Wiederherstellung zu ermöglichen, müssen wir die Spuren jener dunklen Vergangenheit beseitigen, in der Patienten von der Gesellschaft isoliert wurden, und Heilung durch transparente Kommunikation aufbauen. Krebs ist kein Grund für Verbannung, sondern ein Aufruf zur Solidarität.
Wissenschaftliche Referenzen und Quellen
- 1. Karamanou M, et al. "Cancer asylums and the social stigma of the disease in Europe (16th-19th century)." Journal of BUON, 2017;22(5):1367-1370.
- 2. Skuse A. "How the history of medicine influenced our perception of cancer." Cancer Research UK, 2022.
- 3. Mukherjee S. The Emperor of All Maladies: A Biography of Cancer. Scribner, 2010.
- 4. Pinell P. "The birth of oncology." The Birth of Cancer Control, 2002.
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