Erhöht eine Appendektomie (Blinddarmoperation) das Darmkrebsrisiko?

In diesem Artikel
Eine aktuelle Studie aus China stellt die Hypothese auf, dass Menschen nach einer Appendektomie, also der operativen Entfernung des Wurmfortsatzes, ein erhöhtes Risiko für Dickdarm- und Enddarmkrebs haben könnten.
In der Studie wurde zwischen Menschen mit Appendektomie und einer Kontrollgruppe ohne diesen Eingriff nach einer 20-jährigen Nachbeobachtung ein Anstieg des Darmkrebsrisikos um 73% festgestellt.
Die Ergebnisse legen nahe, dass eine Appendektomie das Darmmikrobiom (die Mikroorganismen, die in unserem Darm im Einklang mit uns leben) beeinträchtigen könnte und die Entscheidung für eine solche Operation deshalb sorgfältiger abgewogen werden sollte. Wie klinisch bedeutsam die Ergebnisse sind, ist jedoch noch unklar. Weitere Untersuchungen in größeren und unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sind erforderlich.
Einzelheiten der Studie
Die am 20. Dezember 2022 in Oncogene veröffentlichte Studie legt nahe, dass eine Appendektomie durch Veränderungen des Darmmikrobioms die kolorektale Karzinogenese (Krebsentstehung) fördern könnte und Chirurgen „die Notwendigkeit einer Appendektomie sorgfältiger abwägen“ sollten.
Dr. Charles Dinerstein, der nicht an der Untersuchung beteiligt war, bezeichnete die Ergebnisse als „interessant“. Es sei jedoch „viel zu früh“, ihre möglichen klinischen Folgen zu beurteilen. Dinerstein, medizinischer Direktor des American Council on Science and Health, sagte, vorerst gelte: „Ich denke nicht, dass Patienten nach einer Appendektomie intensiver untersucht werden müssen“.
Immer mehr Befunde deuten darauf hin, dass Darmmikroben am Darmkrebsrisiko beteiligt sein könnten. Andere Untersuchungen zeigen, dass die Appendix eine Rolle beim Erhalt der Vielfalt des Darmmikrobioms spielen könnte. Ob ihre Entfernung das individuelle Risiko für ein kolorektales Karzinom (KRK) beeinflusst, bleibt jedoch umstritten.
Diese Ergebnisse sind besonders interessant, weil die Appendix bislang als funktionslos und als evolutionär zurückgebliebene anatomische Struktur betrachtet wurde.
Die Appendix ist ein kleines, etwa 2 Zentimeter langes Organ am Ende des Dünndarms und gilt als funktionsloses Organ des menschlichen Körpers. Sie enthält jedoch etwas lymphatisches Gewebe und könnte dadurch zur Abwehr von Mikroorganismen beitragen. Außerdem könnte sie eine Rolle für das Gleichgewicht nützlicher Darmbakterien spielen. Dieses lange für entbehrlich gehaltene Organ kann bei einer Appendizitis genannten Entzündung häufig Probleme verursachen.
Eine Studie mit drei Teilen
Das Forschungsteam führte eine Untersuchung aus drei Teilen durch:
- Es analysierte eine Gruppe von 129.155 Erwachsenen mit und ohne Appendektomie, um einen möglichen klinischen Zusammenhang zwischen dem Eingriff und dem KRK-Risiko zu bewerten;
- es sequenzierte das Metagenom von Stuhlproben, um die Merkmale des Darmmikrobioms nach Appendektomie mit denen passend zugeordneter gesunder Kontrollen ohne Appendektomie zu vergleichen; und
- es untersuchte ein KRK-Mausmodell nach Appendektomie, um den Mechanismus der dadurch ausgelösten kolorektalen Karzinogenese aufzuklären.
In der Studie mit rund 130 Tausend Menschen wurde das KRK-Risiko von etwa 44 Tausend Personen nach Appendektomie mit dem von mehr als 85 Tausend alters- und geschlechtsgleichen Kontrollen ohne Appendektomie verglichen. Über 20 Jahre Nachbeobachtung fanden die Forscher nach dem Eingriff ein um 73% erhöhtes KRK-Risiko (adjustierte Hazard Ratio [HR] 1,73; P < 0,001). Das KRK-Risiko und die Darmdysbiose, also das Ungleichgewicht des Mikrobioms, waren bei Erwachsenen über 50 Jahren mit einer Appendektomie in der Vorgeschichte ausgeprägter.
Mikrobielle Dysbiose bezeichnet eine Störung des Gleichgewichts der Mikroorganismen im Körper. Die Darmmikrobiota ist die Gemeinschaft der Milliarden Bakterien, Pilze und Viren, die im Körper leben. Sie übernehmen verschiedene Funktionen; eine gesunde Darmmikrobiota unterstützt die gesunde Funktion des Körpers. Manche Umstände können dieses Gleichgewicht jedoch stören: Schädliche, also pathogene Mikroorganismen nehmen zu, während nützliche Mikroorganismen abnehmen. Dies wird mikrobielle Dysbiose genannt und kann sich nachteilig auf die Darmgesundheit, die Verdauung und andere Körpersysteme auswirken.
Im 2. Teil der Untersuchung, der Analyse des Darmmikrobioms, führte das Team an Stuhlproben von 314 Teilnehmenden, davon 157 nach Appendektomie und 157 Kontrollen, eine metagenomische Analyse durch. Nach Appendektomie wurden deutliche Veränderungen des Darmmikrobioms festgestellt. Die Bakterien Bacteroides vulgatus und Bacteroides fragilis zählten zu den 7 mit KRK assoziierten Bakterien, die vermehrt vorkamen. Zugleich waren Collinsella aerofaciens und Enterococcus hirae zusammen mit weiteren nützlichen Bakterien vermindert; insgesamt waren es fünf.
Schließlich führte das Team in einem experimentellen Mausmodell eine Appendektomie durch, um deren Einfluss auf mikrobielle Dysbiose und die KRK-Karzinogenese zu untersuchen. In diesem Experiment förderte die Appendektomie die Darmkrebsentstehung, indem sie eine Darmdysbiose auslöste.
Trotz dieser Ergebnisse ist die Studie beobachtend und reicht nicht aus, um einen ursächlichen Zusammenhang zu erklären.
Quellen
2. Does Appendectomy Raise the Risk for Colorectal Cancer? - Medscape - 23. Januar 2023.
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