Ist nach der Brustkrebsbehandlung eine Operation der Achselhöhle nötig?

In diesem Artikel
In der Brustkrebstherapie ist die axilläre Lymphknotendissektion (ALND, englisch Axillary Lymph Node Dissection) seit Langem Standard. Sie kann jedoch Armlymphödem, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verursachen und die Lebensqualität beeinträchtigen. Ziel ist, unnötige Operationen bei unveränderter Tumorkontrolle zu reduzieren. Eine umfassende Studie des Niederländischen Krebsinstituts wurde am 28. August 2025 in JAMA Oncology veröffentlicht. Sie zeigte, dass mit dem MARI-Protokoll bei vielen Patientinnen sicher auf ALND verzichtet werden kann. Dies deutet auf einen bedeutsamen Wandel der weltweiten Brustkrebstherapie hin.
🔍 Was ist das MARI-Protokoll?
- MARI steht für „Marking the Axillary lymph node with Radioactive Iodine seed“. Auf Deutsch: „Markierung des axillären Lymphknotens mit einem radioaktiven Jod-Seed“.
- Ein klinisch positiver axillärer Lymphknoten wird unmittelbar vor Beginn der neoadjuvanten Therapie mit einem kleinen metallischen Seed mit radioaktivem Jod-125 markiert. Dieser Seed hat keine therapeutische Wirkungund dient ausschließlich der Lokalisation.
- Der Jod-Seed gibt sehr wenig Strahlung ab, bleibt am Ort und verteilt sich nicht im Körper. Er ermöglicht, nach der Behandlung denselben Knoten leicht wiederzufinden.
- Nach neoadjuvanter systemischer Behandlung vor der Operation mit Chemotherapie oder zielgerichteter Therapie wird der markierte Knoten entfernt.
- Die pathologische Untersuchung zeigt das Ansprechen, und der Operationsplan richtet sich nach diesem Ergebnis.
📊 Auffällige Studienzahlen
- Patientenzahl: 350 Brustkrebspatientinnen mit klinisch positiven axillären Lymphknoten.
- Pathologische Komplettremission (pCR): Bei 39%(n=135) war im markierten Lymphknoten eine pathologische Komplettremission (pCR) nachweisbar.
- Rezidive in Gruppen ohne ALND: Nur 0.7% axilläre Rezidive.
- Gesamtüberleben nach 5 Jahren: 98%.
- Bei Resterkrankung im Lymphknoten: Axilläre Rezidivrate nach Bestrahlung 2.3%; bei allen Betroffenen lagen gleichzeitig Fernmetastasen vor.
Die Daten stützen deutlich, dass ALND besonders bei begrenztem Lymphknotenbefall keinen Überlebensvorteil bietet und das MARI-Protokoll sicher angewendet werden kann.
🗣️ Kommentar
Die Studie spricht deutlich dafür, dass axilläre Dissektion bei vielen Patientinnen unnötig sein könnte.
Bei begrenzter axillärer Tumorlast vor Behandlung überwog der onkologische ALND-Nutzen die operative Morbidität und Komplikationsrisiken eindeutig nicht.
Klinische Folgerungen
- Das MARI-Protokollindividualisiert die axilläre Chirurgie und reduziert unnötige ALND deutlich.
- Eindeutige ALND-Indikationen: Klinisch hohe axilläre Tumorlast, zahlreiche Makrometastasen >3, verbackene axilläre Lymphknoten, persistierende Knotenpakete trotz Therapie oder deutliche nodale Erkrankung in der PET-CT.
- Besonders zu beachtende Gruppen: Aggressive Tumoren mit dreifach negativer oder HER2-positiver Biologie.
- Strahlenschutz: Trotz geringer Jod-Seed-Aktivität sind bei Protokollanwendung Schutzmaßnahmen erforderlich.
- Leitlinieneinfluss: In den Niederlanden ist der Ansatz seit 2022 in nationalen Leitlinien verankert und hat die Praxis grundlegend verändert.
Die Studie zeigt bei Brustkrebs die Verlässlichkeit einer „weniger umfangreichen, aber gezielteren Chirurgie“ . Neue zielgerichtete axilläre Protokolle verbessern die Lebensqualität bei erhaltener onkologischer Sicherheit.
Quellen
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