Künstliche Intelligenz und medizinische Ausbildung – Die Büchse der Pandora des 21. Jahrhunderts

In diesem Artikel
ChatGPT (Chat Generative Pre-trained Transformer), der von OpenAI entwickelte Chatbot mit künstlicher Intelligenz (KI), wurde zur am schnellsten wachsenden Internetanwendung der Geschichte. Generative KI, zu der auch große Sprachmodelle wie GPT gehören, kann Texte erzeugen, die menschlich verfassten Texten ähneln, und menschliche Gedankengänge nachahmen.
Die Einführung neuer Technik verläuft in der Medizin anders
In der medizinischen Ausbildung ist Abwarten kein Luxus, den man sich leisten kann; sie muss sich unmittelbar mit den Auswirkungen der KI auseinandersetzen. Viele berechtigte Bedenken wurden geäußert: die Neigung der KI, Informationen zu erfinden und als Tatsachen darzustellen, mögliche Folgen für die Privatsphäre von Patienten sowie das Risiko, Fehler in Ausgangsdaten einzubringen.
Die Konzentration auf diese unmittelbaren Schwierigkeiten könnte jedoch die weitreichenden Auswirkungen der KI auf die medizinische Ausbildung sowie auf Denk- und Handlungsmuster künftiger Ärztegenerationen verdecken. Das bereitet uns Sorge.
Technik hat im Lauf der Geschichte immer wieder das Denken von Ärzten verändert. Die Erfindung des Stethoskops im 19. Jahrhundert trug zur Entwicklung und Verfeinerung der körperlichen Untersuchung bei. Dadurch begannen Ärzte, sich als diagnostische Detektive zu verstehen. In jüngerer Zeit veränderte die Informationstechnik die Muster klinischen Denkens. Lawrence Weed, der Erfinder der problemorientierten Krankenakte, brachte es auf den Punkt: Die Art, wie Ärzte Daten strukturieren, beeinflusst ihr Denken. Moderne Abrechnungsmodelle, Systeme zur Qualitätsverbesserung und die heutige elektronische Patientenakte samt der damit verbundenen Stagnation sind tief von diesem Dokumentationsansatz geprägt.
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Seit seiner Veröffentlichung im Herbst 2022 hat ChatGPT gezeigt, dass es die Praxis ähnlich stark verändern könnte wie die problemorientierte Krankenakte. Es hat sowohl Zulassungsprüfungen als auch Prüfungen zum klinischen Denken bestanden und kann diagnostische Denkmuster von Ärzten nachahmen. Während Hochschulen mit dem „Ende des universitären Essays“ ringen, werden medizinische Fakultäten auch persönliche Bewerbungsschreiben im Blick behalten müssen. Große Gesundheitsunternehmen arbeiten mit Technikfirmen zusammen, um KI breit und rasch im gesamten Gesundheitswesen einzuführen. Zudem werden Chatbots kommerziell verfügbar, die bei bestimmten medizinischen Kontakten Ärzte ersetzen sollen.
Der Wandel hat begonnen
Die Veränderungen in der medizinischen Ausbildung sind unübersehbar und stellen das Fach vor eine grundlegende Wahl: Sollen medizinische Lehrende aktiv dafür eintreten, KI in die ärztliche Ausbildung einzubinden und Ärzte auf ihren sicheren und wirksamen Einsatz in der Versorgung vorzubereiten? Oder sollen wir die Gestaltung dieses Prozesses externen Akteuren ohne Gesundheitsberuf überlassen, die betriebliche Effizienz und Gewinne in den Vordergrund stellen? Wir sind fest davon überzeugt, dass Verantwortliche für Curricula, Programme und Einrichtungen sowie Akkreditierungsstellen KI berücksichtigen müssen.
Der Philosoph Jacques Derrida führte den Begriff „Pharmakon“ ein: Etwas kann sowohl heilen als auch schaden. Auch KI bringt Chancen und Bedrohungen mit sich. Angesichts dessen, was auf dem Spiel steht – aus unserer Sicht die Zukunft der Gesundheitsversorgung –, sollte die medizinische Ausbildung bei der Integration von KI in die klinische Praxis vorangehen. Angesichts des hohen Veränderungstempos und der fehlenden richtungsweisenden Literatur wird dies nicht einfach sein. Doch die Büchse der Pandora ist bereits geöffnet. Wenn wir unsere Zukunft nicht selbst gestalten, werden mächtige Technikunternehmen dies gerne für uns übernehmen.
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