Nervenwachstumsfaktor 1948 – Der erste Schritt zu zellulären Wachstumsfaktoren

Die italienische Neurologin Rita Levi-Montalcini erklärte in einem Interview, sie sei eher eine Künstlerin und lasse sich bei ihren Überlegungen zum Verhalten des Nervensystems und zu dem von ihr entdeckten Nervenwachstumsfaktor (NGF) von ihrer Intuition leiten. Nachdem der italienische faschistische Machthaber Benito Mussolini ein Gesetz zur Einschränkung der akademischen Arbeit von Juden erlassen hatte, musste Levi-Montalcini ihre Forschung in einem Labor in ihrem Schlafzimmer fortsetzen. Sie war die erste mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Person, die im Alter von mehr als 100 Jahren starb.
NGF ist ein kleines Protein, das für das Wachstum und Überleben bestimmter Neuronen (Nervenzellen) eine Rolle spielt.
1948 entdeckte der amerikanische Wissenschaftler Elmer Bueker, dass die Implantation eines Mäusetumors in die Körperwand eines Hühnerembryos zu einem starken Auswachsen von Nervenfasern aus dessen sensorischen Ganglien (Ansammlungen von Nervenzellen) führte. Levi-Montalcini und ihre Kollegen beobachteten später, dass sensorische und sympathische Nervenfasern des Hühnerembryos in einen Mäusetumor einwuchsen. Das sympathische Nervensystem gehört zum autonomen Nervensystem und bereitet den Körper insbesondere auf die Reaktion auf Stresssituationen vor. Auch vom Tumor entfernte sympathische Ganglien wuchsen. Dies belegte, dass der Tumor NGF in den Blutkreislauf des Hühnerembryos abgab. Der amerikanische Biochemiker Stanley Cohen und Levi-Montalcini entdeckten außerdem, dass sich das sympathische Nervensystem neugeborener Mäuse nicht richtig entwickelte, wenn ihnen Antikörper injiziert wurden.
Interessanterweise sind die NGF-Spiegel höher, wenn Menschen sich zum ersten Mal verlieben.
NGF verlängert auch das Überleben von Mäusen nach einem Herzinfarkt und verringert Bewegungsstörungen bei Mäusen mit Parkinson-Krankheit. 1983 stellten Levi-Montalcini und ihre Kollegen fest, dass NGF auf mit Gehirn und Rückenmark verbundene Nerven wirken kann.
Cohen entdeckte außerdem den epidermalen Wachstumsfaktor (EGF), der bei neugeborenen Tieren ein vorzeitiges Öffnen der Augenlider und den Zahndurchbruch auslöst.
Heute kennen wir viele Faktoren, die die Differenzierung und Vermehrung verschiedener Zelltypen im menschlichen Körper beeinflussen.
Beschreibung der Artikelabbildung: Ein aus einem Hühnerembryo entnommenes Spinalganglion, eine Ansammlung von Nervenzellen, nach mehrstündiger Inkubation in einem NGF-Wachstumsmedium. Die zahlreichen vom Ganglion ausgehenden Aktionen sind rosa dargestellt.
Historische Persönlichkeiten im Artikel: Elmer Daniel Bueker (1903–1996), Rita Levi-Montalcini (geb. 1909), Stanley Cohen (geb. 1922)
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Quellen
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