Revolution in der Krebsprävention: Von molekularem Wissen zur Technologie – der ESMO-Präsident erklärt

Der ESMO (European Society for Medical Oncology = Europäische Gesellschaft für Medizinische Onkologie) -Kongress 2024 findet vom 13-17. September in Barcelona statt und bringt Onkologen, Forschende, Patientenvertretungen und Vertreter des Gesundheitswesens aus aller Welt zusammen. Mehr als 33.000 Fachleute aus der Onkologie haben sich für diese große Veranstaltung angemeldet. Zudem wurden über 5.000 wissenschaftliche Beiträge zur Präsentation auf dem Kongress angenommen.
Der folgende Beitrag ist eine Übersetzung des Artikels von ESMO-Präsident Andrés Cervantes vom 13. September 2024 mit dem Titel „From precision oncology to molecular prevention – a new role for our profession?“.
Rasche wissenschaftliche und technologische Fortschritte wecken die Hoffnung, Krebs bereits in seinen frühesten Stadien verhindern zu können. Die ESMO richtet deshalb mehr Aufmerksamkeit auf die Krebsprävention, um medizinischen Onkologen Fortbildung und Orientierung zu bieten und mit den sich rasch verändernden Entwicklungen auf diesem Gebiet Schritt zu halten.
Krebsprävention und Früherkennung durch Screening sind nicht nur individuelle Entscheidungen, sondern wichtige Handlungsfelder für uns alle in der Onkologie. Gegenüber 2022 dürfte die weltweite Krebslast bis 2050 um 77% auf jährlich mehr als 35 Millionen Neuerkrankungen steigen (siehe unseren entsprechenden Artikel). Als Hauptursachen gelten eine alternde und wachsende Bevölkerung sowie veränderte Risikofaktoren im Zuge der sozioökonomischen Entwicklung. Diesen Trend umzukehren ist entscheidend, um unsere Gesundheitssysteme und den Zugang zu hochwertiger Versorgung zu erhalten.
Lebensstilfaktoren wie Tabak, Alkohol und Adipositas sowie Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung gehören zu den wichtigsten Ursachen der Krebsentstehung und müssen gezielt angegangen werden. Natürlich lässt sich nicht jede Krebserkrankung verhindern. Dank neuer innovativer Technologien werden künftig jedoch mehr Krebsfälle früher erkannt werden können. Blutbasierte Tests zur Erkennung mehrerer Krebsarten (MCED), KI-gestützte medizinische Bildgebung und tragbare Geräte zur Berechnung individueller Krebsrisikowerte könnten im Rahmen der Sekundärprävention dazu beitragen, krebsbedingte Todesfälle zu verringern.
Mit unserem wachsenden Wissen über Zellprozesse wird deutlich: So wie unterschiedliche molekulare Tumorprofile unsere Therapieentscheidungen lenken, sollten auch die durch Umweltfaktoren oder genetische Faktoren ausgelösten Mechanismen der Karzinogenese personalisierte Ansätze einer „Präzisionsprävention“ leiten. Nach den derzeitigen Standards in den USA wird beispielsweise empfohlen, bei schwarzen Männern das Prostatakrebsscreening 10 Jahre früher zu beginnen (NEJM Evid. 2024;3).
Ebenso ist bekannt, dass die Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) nicht für alle Frauen gleichermaßen zur Krebsprävention beiträgt und manche Hochrisiko-HPV-Typen von den verfügbaren Impfstoffen nicht abgedeckt werden (Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2021;30:1895-1903).
Es ist sehr vielversprechend, dieses neue molekulare Wissen und die Risikostratifizierungsprofile durch Krebsscreening in wirksamere und kostengünstigere Präventionsstrategien umzusetzen. Mit der neu gegründeten ESMO-Arbeitsgruppe für Krebsprävention und Früherkennung möchten wir einen umfassenden Überblick über die Entwicklungen auf diesem Gebiet gewinnen und dieses Wissen in der medizinisch-onkologischen Fachwelt verbreiten.
Während sich dieses Gebiet weiterentwickelt, wird die ESMO Onkologen über die Fortschritte informieren und ihre bestmögliche Einbindung in die klinische Praxis unterstützen. In den kommenden fünf Tagen bietet der ESMO-Kongress 2024 neben wichtigen wissenschaftlichen Ergebnissen auch Fortbildungsveranstaltungen, bei denen wir künftige Ansätze der Krebsprävention erkunden.
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