Adipositas lässt sich nicht mit einfachen Tipps wie „Weniger essen, mehr bewegen“ lösen

In diesem Artikel
Adipositas ist zu einer weltweiten Epidemie und einem der größten Gesundheitsprobleme geworden. Dennoch wird sie in der Bevölkerung und unter Gesundheitsfachkräften häufig missverstanden. Einfache Ratschläge wie „Iss weniger und bewege dich mehr“ ignorieren ihre komplexen biologischen, genetischen und umweltbedingten Faktoren und reduzieren das Problem auf mangelnde persönliche Willenskraft. Solche Ansätze verstärken Vorurteile gegenüber Menschen mit Adipositas und beeinträchtigen sowohl die Gesundheitspolitik als auch die klinische Praxis.
Wissenschaftliche Fakten und gesellschaftliche Irrtümer
Eine internationale Gruppe von 36 Fachleuten veröffentlichte 2020 in Nature Medicine zur Beendigung der Adipositasstigmatisierung eine gemeinsame Erklärung. Darin betonte sie, dass verbreitete Vorstellungen wie „Adipositas ist eine Entscheidung und lässt sich durch weniger Essen und mehr Bewegung rückgängig machen“ irreführend sind. Diese Annahmen lenken die Gesundheitspolitik in die falsche Richtung, verwirren die Botschaften populärer Medien und erschweren den Zugang zu evidenzbasierten Behandlungen.
Genetische und biologische Faktoren
Adipositas entsteht durch das Zusammenwirken vieler komplexer Faktoren, etwa genetischer Veranlagung, hormoneller Ungleichgewichte, Stoffwechselfaktoren und Umwelteinflüsse. Beispielsweise wurde das FTO-Gen (Fat Mass and Obesity-Associated gene) mit dem Adipositasrisiko in Verbindung gebracht. Studien zeigen, dass Menschen mit dem FTO-Gen einen höheren Body-Mass-Index (BMI) haben.
Insbesondere rs9939609 (T/A) und ähnliche FTO-SNPs, also Einzelnukleotidpolymorphismen, erhöhen bei Trägern dieses Gens die Gewichtszunahme und das Adipositasrisiko erheblich. Menschen mit dieser Variante wiegen den Befunden zufolge etwa 3 kg mehr als Personen ohne das Risiko und haben ein 1,67-fach höheres Adipositasrisiko.
Der Einfluss des FTO-Gens auf Adipositas hängt mit seiner Rolle bei der Energieaufnahme und dem Sättigungsgefühl zusammen. Menschen mit bestimmten Varianten des FTO-Gens bevorzugen eher energiereichere Nahrungsmittel, was zu übermäßigem Essen führen kann. Einige Studien berichten außerdem, dass körperliche Aktivität die Auswirkungen dieser genetischen Variante auf Adipositas abschwächt.
Leptin ist ein wichtiges Hormon, das den Appetit und die Energiebalance reguliert. Leptinresistenz ist ein häufiges Problem bei Adipositas und beeinträchtigt die Reaktion des Körpers auf Hungersignale. Dies kann dazu führen, dass Menschen mehr essen und zunehmen.
Adipositasvorurteile bei Gesundheitsfachkräften
Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse aus Australien zeigte, dass Ärzte, Pflegekräfte, Ernährungsfachkräfte, Psychologen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Podologen und Bewegungsphysiologen offene und verdeckte Vorurteile gegenüber Adipositas aufweisen. Die Untersuchung bewertete Gewichtsvorurteile anhand von 27 verschiedenen Ergebniskriterien .
Eine weitere systematische Übersichtsarbeit aus Brasilien zeigte Auswirkungen solcher Vorurteile auf klinische Entscheidungen und Versorgungsqualität. Menschen mit Adipositas nutzen Krebsfrüherkennungsuntersuchungen seltener. Auch die Behandlung ihrer Adipositas wird seltener intensiviert, und gynäkologische Untersuchungen finden seltener statt. Dies verdeutlicht den dringenden Bedarf an Strategien gegen die negativen Folgen von Adipositasvorurteilen.
Erscheinungsformen von Adipositasvorurteilen
Die Obesity Action Coalition (OAC= Obesity Action Coalition) definiert sie als „negative Einstellungen, Überzeugungen, Urteile, Stereotype und diskriminierende Handlungen, denen Menschen allein wegen ihres Gewichts ausgesetzt sind“. Diese Vorurteile können offen oder verdeckt sein und überall auftreten, etwa am Arbeitsplatz, im Gesundheitswesen, in Bildung und Medien sowie in Beziehungen zu Familie und Freunden.
Offene Vorurteile zeigen sich in gesprochener oder geschriebener Form, in Medien und online. Adipositasstigmatisierung bedeutet soziale Abwertung und Geringschätzung übergewichtiger Menschen und kann negative Einstellungen, Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung nach sich ziehen.
Vorurteile in der klinischen Praxis
Eine Studie zeigt, wie sich Gewichtsvorurteile im Gesundheitswesen äußern. Beispielsweise nehmen Menschen mit Adipositas seltener an Krebsfrüherkennung wie Mammografie und Koloskopie teil. Ihre Adipositasbehandlung wird zudem seltener intensiviert, und Nachsorgetermine finden seltener statt. Dadurch erhalten sie eine schlechtere Versorgung, was ihre Gesundheitsergebnisse beeinträchtigt.
Mangelnde Ausbildung
Die unzureichende Behandlung von Adipositas im Medizinstudium ist ein wesentlicher Grund für die Verbreitung solcher Vorurteile. Eine Untersuchung ergab, dass unter 40 medizinischen Fakultäten nur 10% ihre Studierenden im Adipositasmanagement für „sehr gut vorbereitet“ hielten. Ein Drittel hatte weder ein entsprechendes Ausbildungsprogramm noch Pläne, eines zu entwickeln. Dies zeigt die Notwendigkeit, die medizinischen Lehrpläne zu aktualisieren.
Adipositas und genetische Vielfalt: Personalisierte Behandlung mit dem MyPhenome™-Hungry-Gut-Test
Bei der Adipositasbehandlung können individuell zugeschnittene Ansätze die Ergebnisse verbessern. Ein von Forschenden der Mayo Clinic entwickelter Test wurde von Phenomix Sciences zu einem kommerziellen Produkt weiterentwickelt und 2024 unter dem Namen „MyPhenome™“ auf den Markt gebracht. Er soll anhand genetischer Informationen aus einer Speichelprobe den Adipositasphänotyp bestimmen und vorhersagen, welche Behandlungen wirksamer sein könnten.
Mit MyPhenome ermittelte Adipositasphänotypen
MyPhenome unterscheidet vier wesentliche Phänotypen:
- Hungriges Gehirn
- Hungriger Magen
- Emotionaler Hunger
- Langsame Verbrennung (Stoffwechsel)
Funktionsprinzip des Tests
Durch die Messung genetischer SNPs, also Einzelnukleotidpolymorphismen, von Metaboliten und Hormonen soll der Test einen individuellen Behandlungsplan unterstützen. Er analysiert etwa 6.000 genetische SNPs und bietet damit eine umfassende genetische Beurteilung.
Forschung und Pilotstudien
In ihren 2015 begonnenen Untersuchungen teilten Forschende der Mayo Clinic Adipositas mithilfe von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen in 11 Typen ein. Für die praktische Anwendung reduzierten sie diese auf vier Phänotypen.
Der am weitesten entwickelte Test „MyPhenome Hungry Gut“ wurde entwickelt, um das Ansprechen auf GLP-1-Medikamente (Abnehmspritzen) vorherzusagen. Menschen dieses Phänotyps verspüren nach dem Essen schneller wieder Hunger und könnten deshalb besser auf GLP-1-Medikamente ansprechen.
Abnehmspritzen und der MyPhenome™-Hungry-Gut-Test
Die Semaglutid enthaltenden Spritzen Ozempic und Wegovy sind wirksame Arzneimittel zur Adipositasbehandlung. Klinische Studien zeigen jedoch erhebliche Unterschiede im Ansprechen auf Semaglutid.
Eine unabhängige Studie der Mayo Clinic, vorgestellt bei der Digestive Disease Week 2024, zeigte, dass der MyPhenome™-Hungry-Gut-Test Unterschiede im Ansprechen verringern und Patienten mit besserem Ansprechen auf Semaglutid identifizieren kann. Nach 12 Monaten verloren Hungry-Gut-positive Personen 19,5% ihres gesamten Körpergewichts, negative Personen dagegen nur 10%.
Die Studie betont die starke genetische und biologische Grundlage der Adipositas und das Potenzial individueller Behandlungsansätze für bessere Gesundheitsergebnisse.
Was getan werden muss
Um Adipositasvorurteile zu überwinden, sind ein respektvoller Umgang mit Patienten sowie Sensibilität für ihren Körper und ihre Gesundheitswünsche wichtig. Klinische Einrichtungen sollten ihren Bedürfnissen entsprechen. Gesundheitsfachkräfte sollten eigene Einstellungen und Vorurteile hinterfragen, um Gewichtsvorurteile abzubauen. Die OAC stellt dafür Materialien und Strategien bereit.
Mögliche Schritte gegen Adipositasvorurteile sind:
- Adipositastyp bestimmen und Behandlung personalisieren: Genetische Tests und biometrische Analysen zur Bestimmung des Adipositastyps einsetzen. Individuelle Ansätze wie der MyPhenome™-Hungry-Gut-Test könnten beispielsweise Behandlungsergebnisse verbessern und Vorurteile verringern.
- Patienten ermutigen, ihre Erfahrungen mit Stigmatisierung zu teilen.
- Ihnen helfen, wirksame Wege zum Umgang mit Stigmatisierung zu finden.
- Patienten zu sozialer Unterstützung und positiven Selbstgesprächen ermutigen.
- Praxen für Menschen mit Adipositas zugänglicher gestalten, etwa durch breite Untersuchungsliegen sowie passend große Patientenkittel und Blutdruckmanschetten.
Fazit
Einfache Empfehlungen wie „Weniger essen, mehr bewegen“ verstärken bestehende Vorurteile und erschweren einen wirksamen, inklusiven Umgang mit Adipositas. Eine bessere Ausbildung der Gesundheitsfachkräfte und eine vorurteilsfreie Versorgung sind entscheidend, um die Gesundheitsergebnisse der Patienten zu verbessern.
Biologische, genetische und umweltbedingte Faktoren sollten berücksichtigt werden, um fundiertere und einfühlsamere Ansätze zu entwickeln. So lassen sich Vorurteile bekämpfen und ein gerechteres, wirksameres Gesundheitssystem schaffen.
Quellen
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