COVID-19-Impfung verbessert das Überleben von Krebspatienten unter Immuntherapie

In diesem Artikel
Ein interessanter Befund
- Die COVID-19-Pandemie regte neue Therapieansätze besonders bei Erkrankungen wie Krebs an, bei denen das Immunsystem eine entscheidende Rolle spielt.
- In diesem Zusammenhang wurden neue Forschungsdaten veröffentlicht, denen zufolge mRNA-basierte COVID-19-Impfstoffe nicht nur vor SARS-CoV-2 schützen, sondern auch bei Krebspatienten, die mit Immuntherapien aus der Klasse der Immuncheckpoint-Hemmer behandelt werden, die Überlebensraten verbessern können.
- Wie ist das möglich? Dieser Beitrag beleuchtet anhand der auf dem ESMO-Kongress 2024 vorgestellten Ergebnisse die Rolle von mRNA-COVID-19-Impfstoffen in der Krebsbehandlung. Im Mittelpunkt steht, wie sie die Expression von PD-L1 , einem immunregulatorischen Molekül auf Zelloberflächen, erhöhen und welche Bedeutung diese Befunde für die klinische Praxis haben.
mRNA-COVID-19-Impfung und PD-L1: Mögliche Wirkungen in der Krebsbehandlung
Es ist bekannt, dass mRNA-COVID-19-Impfstoffe insbesondere bei Patienten unter Immuntherapie die Expression von PD-L1 (Ligand 1 des programmierten Zelltods) erhöhen. PD-L1 ist bei vielen Krebsarten ein Mechanismus, mit dessen Hilfe Tumorzellen dem Immunsystem entgehen . Therapien, die auf die PD-L1-Expression abzielen, haben in diesem Zusammenhang die Krebsbehandlung revolutioniert.
Der Wirkmechanismus von Immuntherapien aus der Klasse der Immuncheckpoint-Hemmer ist nachfolgend vereinfacht dargestellt:

Die auf der ESMO 2024 vorgestellte Studie
Die neue von Dr. Adam J. Grippin und seinem Team vorgestellte Studie legt nahe, dass mRNA-COVID-19-Impfstoffe durch eine erhöhte PD-L1-Expression bei Patienten unter Immuntherapie eine wirksamere Erkennung der Tumoren durch das Immunsystem ermöglichen. Sie konzentrierte sich insbesondere auf schwer behandelbare Krebsarten wie nichtkleinzelligen Lungenkrebs (NSCLC) und metastasiertes Melanom .
Bei Krebspatienten, die innerhalb von 100 Tagen einen mRNA-COVID-19-Impfstoff erhalten hatten, wurden höhere Ansprechraten auf die Immuntherapie und ein deutlich verbessertes Überleben beobachtet.
Vielversprechende Ergebnisse bei Lungenkrebs und Melanom
Die PD-L1-Expression von 2358 Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs im Stadium 3-4 wurde untersucht. Dabei zeigten sich Unterschiede abhängig vom Zeitpunkt der Impfung.
Insbesondere eine mRNA-COVID-19-Impfung innerhalb der ersten 100 Tage erhöhte den PD-L1-Tumor-Proportion-Score (TPS) signifikant. Der Anteil mit einem TPS über 50% betrug bei einer Impfung innerhalb von 100 Tagen 33%, bei einer länger als 100 Tage zurückliegenden Impfung 24% und ohne Impfung 28%. Bei der Betrachtung eines PD-L1-TPS über 1% lagen die entsprechenden Anteile bei 74%, 67% und 68%.
Diese Ergebnisse weisen auf eine eigenständige biologische Wirkung von mRNA-COVID-19-Impfstoffen in der Krebsbehandlung hin.
Auch bei metastasiertem Melanom zeigten sich ähnliche Ergebnisse. Patienten mit einer Impfung innerhalb von 100 Tagen vor Beginn der Immuntherapie hatten ein deutlich besseres Gesamtüberleben als Ungeimpfte (HR 0,31; 95%-KI 0,16-0,57). Auch das progressionsfreie Überleben war signifikant verbessert (HR 0,61; 95%-KI 0,39-0,95).

Warum unterscheiden sich mRNA-Impfstoffe? Ein Vergleich mit anderen Impfungen
Ein wichtiger Befund war, dass die erhöhte PD-L1-Expression nur bei mRNA-Impfstoffen beobachtet wurde. Andere Impfungen, etwa gegen Lungenentzündung oder Grippe, zeigten keinen vergleichbaren Effekt. Nach Dr. Grippins Einschätzung könnte dies auf eine besondere biologische Wirkung von mRNA-Impfstoffen bei Krebs hindeuten. Sie könnten Krebspatienten somit nicht nur vor Infektionen schützen, sondern auch die Krebsabwehr des Immunsystems stärken.
Verbesserte Überlebensraten: Was sagen die Zahlen?
Die Ergebnisse zeigen ein deutlich besseres Gesamtüberleben bei geimpften Krebspatienten. Bei Lungenkrebs waren die Überlebensraten nach mRNA-COVID-19-Impfung um 48% höher als ohne Impfung (HR 0,52; 95%-KI 0,37-0,72). Im Stadium III betrug die Verbesserung bis zu 54% (HR 0,46; 95%-KI 0,31-0,70), im Stadium IV 28% (HR 0,72; 95%-KI 0,59-0,88).
Auch bei metastasiertem Melanom wurde ein deutlicher Impfeffekt festgestellt. Das Gesamtüberleben der Geimpften war gegenüber Ungeimpften um 69% besser (HR 0,31; 95%-KI 0,16-0,57).
Weitere Forschung und klinische Bedeutung
Da die Studie retrospektiv, also rückblickend, angelegt war, müssen die Ergebnisse durch prospektive Untersuchungen bestätigt werden. Die bisherigen Daten deuten jedoch stark darauf hin, dass mRNA-COVID-19-Impfstoffe das Therapieansprechen insbesondere bei Patienten unter Immuncheckpoint-Hemmern verbessern könnten. Grippin und sein Team betonen, dass dies in größeren und vielfältigeren Patientengruppen überprüft werden muss. Genauere Untersuchungen zu Impfzeitpunkt und biologischen Effekten könnten künftig das Überleben verbessern helfen.
Fazit: Die bahnbrechende Rolle von mRNA-Impfstoffen in der Krebsbehandlung
Die Studie zeigt, dass mRNA-basierte COVID-19-Impfstoffe nicht nur gegen die Pandemie schützen, sondern auch in der Krebsbehandlung einen Unterschied machen könnten. Besseres Überleben unter Immuntherapie und eine erhöhte PD-L1-Expression verdeutlichen die starke Wirkung auf das Immunsystem. Die Ergebnisse zeigen, dass Impfstrategien in der Krebsbehandlung neu überdacht und künftige Forschungsarbeiten in diese Richtung ausgerichtet werden sollten.
Quellen
2. Grippin A, De B, Fink K, et al. Timing of pre-biopsy COVID-mRNA vaccination and PD-L1 expression in advanced non-small cell lung cancer. Vorgestellt bei WCLC 2023. September 9-12, 2023. Abstract MA15.04.
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