Erhöhen Tätowierungen das Lymphomrisiko?

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Im Fachjournal eClinicalMedicine erschien am 21. Mai 2024 ein Artikel, dem zufolge Tätowierungen ein Risikofaktor für die Entstehung von Lymphomen sein könnten.
Da Tätowierungen in die Haut eingebracht werden, wurde bislang vor allem zu Hautkrebs geforscht. Möglicherweise betrifft das größere Risiko jedoch die Lymphknoten.
Lymphome und bekannte Risikofaktoren
Ein Lymphom ist eine Krebserkrankung des lymphatischen Systems. Es entsteht meist in lymphatischen Geweben wie Lymphknoten, Milz, Thymus und Knochenmark. Bekannte Risikofaktoren sind Störungen des Immunsystems, bestimmte Infektionen wie das Epstein-Barr-Virus, die Exposition gegenüber bestimmten Chemikalien und Lymphome in der Familienanamnese. Weltweit ist die Lymphomhäufigkeit in den vergangenen Jahren gestiegen; die Ursachen dieses Anstiegs zu verstehen ist wichtig.
Tätowierungen und Lymphomrisiko
Tätowierungen wurden in den letzten Jahrzehnten stark populärer. Mehrere europäische Studien berichten inzwischen einen Anteil von über 20%; in den USA wird er auf etwa 30% geschätzt. Die meisten Menschen lassen sich ihr erstes Tattoo jung stechen und sind damit den chemischen Bestandteilen der Tinte nahezu lebenslang ausgesetzt. Die Forschung zu langfristigen Gesundheitsfolgen steht jedoch erst am Anfang.
Chemie der Tätowierfarben und ihre Wirkung im Körper
Tätowierfarben sind Mischungen organischer und anorganischer Farbpigmente mit Ausgangsstoffen und Nebenprodukten der Pigmentsynthese sowie Zusatzstoffen. Bunte Farben enthalten primäre aromatische Amine (PAA), schwarze häufig polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAH). In sämtlichen Farben können Metalle wie Arsen, Chrom, Kobalt, Blei und Nickel vorkommen. Ein erheblicher Teil dieser Chemikalien wurde von der Internationalen Agentur für Krebsforschung als krebserregend eingestuft.
Beim Tätowieren wird die Hautbarriere wiederholt durchstochen und Farbe in die Dermis eingebracht. Jedes Antigen, das die Hautbarriere überwindet, löst eine lokale Immunreaktion aus und wird zu den Lymphknoten transportiert. Dass Tätowierfarbe dorthin gelangt, ist weitverbreitet: Schätzungen zufolge sind nach 6 Wochen 32% des eingebrachten Pigments verlagert; im Zeitverlauf könnten es bis zu 99% werden.
Pigmentierte und vergrößerte Lymphknoten bei tätowierten Menschen sind seit Jahrzehnten aus der klinischen Praxis bekannt. Der Transport schwarzer und bunter Pigmente in menschliche Lymphknoten sowie die Ablagerung von Metallpartikeln durch Nadelabrieb wurden bestätigt. Lymphknoten enthalten sich rasch vermehrende Immunzellen und sind empfindliche Zielstrukturen für krebserregende Chemikalien. Es gibt zunehmend Hinweise, dass Immunstörungen durch Lösungsmittel, Flammschutzmittel, Pestizide und Haarfärbemittel bei der Lymphomentstehung eine wichtige Rolle spielen.
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Die aktuelle schwedische Untersuchung
Anhand schwedischer nationaler Gesundheitsdaten untersuchten Forschende in einer bevölkerungsbasierten Fall-Kontroll-Studie, ob Tätowierungen das Lymphomrisiko erhöhen. Sie betrachteten auch Expositions-Wirkungs-Beziehungen sowie den Einfluss der Expositionsdauer anhand des Zeitraums zwischen erstem Tattoo und Indexjahr. Außerdem untersuchten sie Zusammenhänge mit einzelnen Lymphomuntertypen.
Studienleiterin Dr. Christel Nielsen erläutert, dass der Körper eingebrachte Tätowierfarbe als Fremdstoff erkennt und das Immunsystem aktiviert. Ein großer Teil gelangt aus der Haut in die Lymphknoten und lagert sich dort ab.
Einzelheiten und Ergebnisse
Identifiziert wurden 2938 Patienten mit einer Lymphomdiagnose zwischen 2007 und 2017. Davon beantworteten 1398 den Fragebogen. In der Kontrollgruppe nahmen 4193 Personen an der Befragung teil.
Die Erkrankten wurden über Bevölkerungsregister ermittelt und einer Kontrollgruppe gleichen Alters und Geschlechts ohne Lymphom gegenübergestellt. Die Teilnehmer beantworteten einen Fragebogen zu Lebensstilfaktoren und gaben an, ob sie tätowiert waren.
- 21% der Lymphompatienten und 18% der Kontrollgruppe berichteten Tätowierungen.
- Nach Berücksichtigung anderer relevanter Faktoren wie Rauchen und Alter wurde bei Tätowierten ein um 21% höheres Lymphomrisiko festgestellt (Konfidenzintervall: 0,99-1,48).
- Zunächst nahmen die Forschenden an, dass die Größe eines Tattoos das Risiko beeinflussen könnte. Eine Ganzkörpertätowierung könnte beispielsweise stärker mit Lymphomen zusammenhängen als ein kleines Tattoo. Es zeigte sich jedoch kein Zusammenhang zwischen dem Anteil tätowierter Körperoberfläche und dem Lymphomrisiko.
Warum dies so sei, wisse man noch nicht, erklärten die Forschenden. Man könne lediglich spekulieren, dass Tätowierungen unabhängig von ihrer Größe eine geringgradige Entzündung im Körper auslösen, die wiederum Krebs begünstigen könnte. Der Zusammenhang sei komplexer als ursprünglich gedacht.

Einordnung
Lymphome sind selten, und die Ergebnisse gelten auf Gruppenebene. Die Befunde müssen in weiteren Studien untersucht werden; solche Forschungen laufen bereits.
Über den Zusammenhang zwischen Tattoos und Krebs wird seit Langem diskutiert. Eine vor mehr als einem Jahrzehnt veröffentlichte Literaturübersicht verglich die Zahl tattooassoziierter Hautkrebsfälle mit der weltweit tätowierten Bevölkerung und vermutete einen zufälligen Zusammenhang. Fallberichte können neue Forschungsfragen und Hypothesen liefern, reichen wegen selektiver Berichterstattung und fehlender Vergleichsgruppen jedoch nicht für den Nachweis einer Ursache-Wirkungs-Beziehung aus. Ohne gut konzipierte epidemiologische Forschung fehlt eine wissenschaftliche Grundlage für eine belastbare Bewertung der möglichen Verbindung zwischen Tätowierungen und Krebs.
Diese Untersuchung hatte ein Fall-Kontroll-Design; der Anstieg um 21% beruht auf einem Inzidenzratenverhältnis (IRR). Dies belegt keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung, sondern lediglich einen Zusammenhang. Da das Konfidenzintervall (0,99-1,48) den Wert 1 einschließt, sind die Ergebnisse statistisch nicht signifikant. Sie sind also nicht eindeutig; weitere Forschung ist erforderlich.
Nach unserem Kenntnisstand war die Untersuchung von Warner und Kollegen die einzige veröffentlichte epidemiologische Studie zum Zusammenhang zwischen Tätowierungen und Lymphomen. Wegen der geringen Zahl tätowierter Teilnehmer war ihre Aussagekraft jedoch begrenzt. Die vorliegende Studie liefert deshalb erstmals anhand eines großen bevölkerungsbasierten Designs Einblicke in den möglichen Zusammenhang. Aus einer einzelnen epidemiologischen Untersuchung lässt sich aber keine eindeutige Kausalität ableiten; weitere Forschung ist nötig.
Die Krebsentstehung ist ein mehrstufiger Prozess der Zellveränderung, der vereinfacht in Initiation, Promotion und Progression unterteilt werden kann. Von außen einwirkende chemische Karzinogene können eine oder mehrere dieser Phasen beeinflussen und interagieren oft komplex mit anderen Stoffen. Da Tätowierfarben heterogene chemische Mischungen sind, ließ sich keine analytische Strategie für die Latenz der Exposition festlegen. Stattdessen wurde ihr zeitlicher Einfluss anhand des Abstands zwischen erstem Tattoo und Indexjahr untersucht. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sowohl 0-2 Jahre vor dem Indexjahr als auch mindestens 11 Jahre zuvor gestochene Tattoos mit einem erhöhten Lymphomrisiko verbunden sein könnten. Falls weitere Studien dies bestätigen, könnte eine Exposition gegenüber Tätowierfarbe sowohl die Tumorinitiierung als auch die Tumorpromotion betreffen.
Die Forschenden fordern weitere Untersuchungen zu langfristigen Gesundheitsfolgen von Tätowierungen. Sie wollen mögliche Zusammenhänge mit anderen Krebsarten und entzündlichen Erkrankungen prüfen.
Zusammenfassend muss bei der Aussage eines um 21% erhöhten Lymphomrisikos bei Tätowierten betont werden, dass es sich um einen Zusammenhang und nicht um einen Kausalitätsnachweis handelt. Die Untersuchung dient der Hypothesenbildung. Wegen der Karzinogene in Tätowierfarben könnten künftig aussagekräftigere Studien diese Verbindung genauer klären.
Menschen werden vermutlich weiterhin durch Tätowierungen ihre Identität ausdrücken. Umso wichtiger ist es, gesellschaftlich für deren Sicherheit zu sorgen. Einzelne sollten wissen, dass Tattoos die Gesundheit beeinflussen können, und bei Beschwerden, die möglicherweise damit zusammenhängen, ärztlichen Rat suchen.
Quellen
eClinicalMedicine Veröffentlicht am 21. Mai 2024. DOI:https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2024.102649
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