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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Hat Akupunktur einen Platz in der Krebsbehandlung?

Hat Akupunktur einen Platz in der Krebsbehandlung?
In diesem Artikel

Akupunktur ist ein Verfahren, bei dem spezielle dünne Nadeln an bestimmten Körperpunkten eingestochen werden. Es soll Beschwerden wie Schmerzen und Schwäche sowie psychische Probleme lindern. Der Name stammt von den lateinischen Wörtern Acus für Nadel und Punctura für Stechen. Zwar soll sie schon vor unserer Zeitrechnung in Ostasien mit spitzen Steinen sowie Knochen- und Bambusnadeln zur Schmerzlinderung verwendet worden sein, doch zu einem wichtigen Teil der chinesischen Medizin wurde sie vor allem vor etwa 2000 Jahren. In anderen asiatischen Ländern und Europa begann die Verwendung um 1700, in Amerika in den 1800er Jahren. Die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen begannen in Amerika 1976; 20 Jahre später, 1996, ließ die FDA Akupunkturnadeln als medizinische Instrumente zu. Seitdem wurde Akupunktur zunehmend verbreitet und zu einer an medizinischen Fakultäten gelehrten Disziplin. Auch in unserem Land sind Akupunkturabteilungen der medizinischen Fakultäten der Yeditepe- und Gazi-Universität in Lehre und Anwendung aktiv.

Wie wirkt Akupunktur?

Die traditionelle chinesische Medizin nimmt Energiekanäle durch bestimmte Körperpunkte an und führt Krankheiten auf gestörte Energieflüsse zurück. Akupunktur an diesen Punkten soll den Fluss korrigieren, das Körpergleichgewicht wiederherstellen und die Selbstheilung anregen. Wissenschaftliche Studien fanden dagegen eine Wirkung durch Nervenstimulation und Freisetzung bestimmter Stoffe. Diese beeinflussen Körperfunktionen und lindern Beschwerden wie Schmerzen und Schwäche. Natürliche morphinähnliche Stoffe namens Endorphine lindern beispielsweise Schmerzen; das auch Glückshormon genannte Serotonin kann Schmerzen und psychische Probleme erleichtern.

Wie wird Akupunktur durchgeführt?

Vor Beginn erhebt der akupunktierende Arzt die Vorgeschichte und untersucht den Patienten. Erforderliche Labor- und Bildgebungsuntersuchungen erfolgen. Unter Berücksichtigung von Alter, Lebensstil, Ernährung, Schlaf, Allgemeinzustand, Krankheiten, Beschwerden, bisherigen Behandlungen und deren Nebenwirkungen sowie mit Wissen und Unterstützung des betreuenden Arztes wird ein Plan erstellt: Zahl und Dauer der Sitzungen sowie die Methode werden festgelegt.

Es gibt viele Nadeltypen, meist werden Einmalnadeln aus Edelstahl verwendet. Sterilisierte, wiederverwendete Nadeln sind weniger sicher als Einmalnadeln und bergen höhere Risiken wie Infektionen. Anschließend werden je nach Patient und Beschwerden aus mehr als 2000 Akupunkturpunkten die Behandlungsstellen ausgewählt. Dort verlaufen Nerven oberflächennah. Der Akupunkteur sticht sehr dünne spezielle Nadeln mit besonderen Techniken schmerzlos unter die Haut oder in Muskeln. Je nach Zustand bleiben sie gewöhnlich einige Minuten, manchmal kürzer oder länger liegen. Mitunter können spezielle Nadeln etwa unter der Haut oder am Ohr tagelang verbleiben, um die Linderung aufrechtzuerhalten. Manchmal werden besondere Techniken für die Anwendung zu Hause vermittelt. Der Arzt kann die Nadeln zur Nervenstimulation auf und ab bewegen oder drehen. Dabei entstehen keine Schmerzen, möglicherweise aber Kribbeln oder Taubheitsgefühle. Danach ruht der Patient eine Weile liegend in einem ruhigen Raum, womit die Sitzung endet.

Welche Akupunkturmethoden gibt es?

Neben einfacher Nadelstimulation können viele Methoden eingesetzt werden:

  • Laserakupunktur: Die Stimulation erfolgt mit schwachen Laserstrahlen.
  • Elektroakupunktur: Niederspannungsstrom stimuliert über Nadeln oder ohne Einstich über aufgeklebte Hautpads.
  • Sonopunktur: Die Stimulation erfolgt mit Schallwellen.
  • Mikrowellenakupunktur: Ein an den Nadeln angebrachtes Gerät sendet Mikrowellen zur Stimulation.
  • Moxibustionsakupunktur: Moxakräuter werden an den oberen Enden eingestochener Nadeln befestigt oder auf speziellen Stäben verbrannt. Die Wärme stimuliert und erhöht die Durchblutung des Bereichs. Der beim Verbrennen entstehende Geruch wirkt außerdem sedierend, also beruhigend.
  • Akupressur: Akupunkturpunkte werden durch Druck mit Fingern oder besonderen Hilfsmitteln wie Bällen und Armbändern stimuliert.
  • Schröpfen: Die Stimulation erfolgt durch Schröpfgläser, also Unterdruck.

Die geeignete Methode wird nach Zustand und Wünschen des Patienten gewählt. Unabhängig von der Methode sollen jedoch immer Akupunkturpunkte stimuliert werden.

Wer darf Akupunktur durchführen?

Nach der 1991 vom Gesundheitsministerium veröffentlichten Akupunkturverordnung dürfen Ärzte nach erfolgreichem Abschluss und Zertifizierung in von der obersten Akupunkturkommission genehmigten Kursen Akupunktur anwenden. Auch Zahnärzte dürfen dies unter Einhaltung der Verordnung und nur im eigenen Fachgebiet. Es lässt sich jedoch schwer sagen, dass die Zertifizierungsausbildung ausreicht und in unserem Land leicht ein kompetenter, zuverlässiger Arzt dafür zu finden ist. Ein weiteres wichtiges Problem ist, dass die Anwender meist Allgemeinärzte ohne ausreichende Kenntnisse und Erfahrung in der Krebsbehandlung sind. Krebspatienten, die dieses Verfahren zur Beschwerdelinderung nutzen wollen, sollten dies deshalb unbedingt mit Wissen und unter Kontrolle ihrer Onkologen tun.

Bei geeigneten Patienten richtig angewendet kann Akupunktur helfen. Sie muss jedoch unbedingt von gut ausgebildeten Ärzten durchgeführt werden. Glauben Sie keinesfalls Personen, die damit Krebs oder viele andere Krankheiten heilen wollen. Bei Krebspatienten kann sie nur zur Beschwerdelinderung eingesetzt werden.

Worauf sollten Sie bei der Wahl eines Akupunkturzentrums achten?

Vergewissern Sie sich unbedingt, dass ein Arzt die Behandlung durchführt. Manche Zentren haben wegen gesetzlicher Vorgaben einen Arzt samt Diplom vorzuweisen, lassen die Behandlung aber von Nichtärzten durchführen. Achten Sie besonders darauf.

Beachten Sie genau den Umgang mit Ihnen und Ihren Problemen. Glauben Sie keinesfalls Personen, die behaupten, damit viele Krankheiten, besonders Krebs, zu heilen.

Fragen Sie unbedingt nach Durchführung, vorherigen Tests und Kontrollen sowie Kontaktaufnahme zum betreuenden Arzt. Prüfen Sie, ob das Vorgehen dem obigen Abschnitt zur Durchführung entspricht.

Fragen Sie nach Ausbildungsstätten, Zertifikaten, Anwendungsjahren und Erfahrung des Arztes mit Krebspatienten. Erfahrung verringert Nebenwirkungen durch falsche Durchführung und erhöht die Wirksamkeit.

Fragen Sie, ob Einmalnadeln verwendet werden. Sie sind wichtig zum Schutz vor Nebenwirkungen wie Infektionen.

Welche Nebenwirkungen und Risiken hat Akupunktur?

Nebenwirkungen entstehen meist durch unsterile Nadeln, falsche Einstichstellen, Bewegungen des Patienten oder fehlerhafte Nadeln. Sterilität ist besonders bei Krebspatienten wichtig, weil Chemotherapie und Strahlentherapie die Abwehr schwächen. Wählen Sie deshalb ein Zentrum mit Einmalnadeln. Wichtig ist außerdem, anhand der Zahl weißer Blutkörperchen im Blutbild die Immunlage des Patienten zu beurteilen.

Mögliche Nebenwirkungen sind:

  • Schmerzen während der Behandlung
  • Blutungen oder Blutergüsse an der Einstichstelle
  • Infektionen, besonders Hepatitis B
  • Nervenschäden
  • Müdigkeit
  • Schläfrigkeit
  • Schwindel
  • Benommenheit

Was ist Scheinakupunktur?

Bei Scheinakupunktur werden statt echter Nadeln solche verwendet, die nicht in die Haut eindringen, aber dieses Gefühl vermitteln. Die speziell gefertigte Spitze schiebt sich beim Aufsetzen in den Griff zurück und bleibt durch einen Klebstoff scheinbar eingestochen an der Haut. Der Patient hält die Anwendung für echte Akupunktur, glaubt psychisch an eine Besserung und wird dadurch positiv beeinflusst: Es entsteht ein Placeboeffekt. Dies ist die positive Wirkung eines medizinisch unwirksamen Mittels oder Verfahrens durch den Glauben des Patienten an seine Wirksamkeit. Besonders in der Forschung wird dies häufig zur Bewertung genutzt. Eine Gruppe erhält die echte Behandlung, die andere eine unwirksame, aber für echt gehaltene. So wird geprüft, ob die Wirkung tatsächlich medizinisch oder psychisch als Placeboeffekt entsteht.

Manche Kreise halten auch Akupunkturwirkungen für Placeboeffekte. Deshalb verglichen viele Studien echte mit Schein- beziehungsweise Placeboakupunktur. Einige führen die Wirkung hauptsächlich auf Placebo zurück, doch überwiegend zeigen Studien eine Überlegenheit echter Akupunktur bei bestimmten Symptomen. Vielen Untersuchungen zufolge ist sie langfristig in der symptomatischen Behandlung nicht so wirksam wie allgemeine medizinische Therapie, lindert kurzfristig aber manche Symptome erheblich.

Warum sollten Krebspatienten Akupunktur erhalten?

Krebspatienten sollten Akupunktur ergänzend zur Standardtherapie nutzen, um krebs- und/oder behandlungsbedingte Beschwerden zu verringern. Wissenschaftliche Studien liefern keine Belege, dass Akupunktur allein eine wirksame Krebsbehandlung ist.

Studien zeigten Nutzen bei folgenden Beschwerden von Krebspatienten:

  • Schmerzen
  • Schwäche
  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Psychische Probleme
  • Mundtrockenheit
  • Lymphödem
  • Leukopenie
  • Hitzewallungen
  • Empfindungsstörungen
  • Atemnot

Akupunktur und Krebsschmerzen

Klinische Studien zeigten positive Wirkungen auf die Schmerzkontrolle. Eine Untersuchung von 2003 mit 90 Patienten fand eine signifikante Linderung von Krebsschmerzen durch Elektroakupunktur um das Ohr. Eine 2010 veröffentlichte Studie mit 58 nach Halsoperation behandelten Krebspatienten zeigte auch eine Linderung postoperativer Schmerzen. Eine weitere Studie fand weniger Muskel- und Gelenkschmerzen durch die bei hormonempfindlichem Brustkrebs häufigen Aromatasehemmer wie Anastrozol und Exemestan. Insgesamt gibt es aber nicht genügend Untersuchungen zu Krebsschmerzen. Für eindeutige Aussagen sind gut geplante umfassende Studien erforderlich.

Akupunktur und Schwäche

Schwäche bezeichnet eine durch Energiemangel verminderte Funktionsfähigkeit sowie das Gefühl von Müdigkeit und Erschöpfung durch Traurigkeit. Bei Krebspatienten ist sie nach Chemotherapie und Strahlentherapie häufig und beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich. Eine 2012 im „Journal of Clinical Oncology“ veröffentlichte Studie mit 302 Brustkrebspatientinnen kam zu dem Schluss, dass Akupunktur gegen krebsbedingte Schwäche wirksam ist und die Lebensqualität verbessert. Da jedoch nur 18 Wochen nachbeobachtet wurde und auch andere Studien kurze Beobachtungszeiten hatten, bleiben langfristige Ergebnisse unklar.

Akupunktur bei Übelkeit und Erbrechen

Obwohl einige Studien zu krebs- und behandlungsbedingter Übelkeit und Erbrechen negativ ausfielen, überwogen positive Ergebnisse. Eine Untersuchung zeigte weniger Übelkeit, Erbrechen und Bedarf an entsprechenden Medikamenten durch Akupressurarmbänder. Eine andere verglich ein echtes mit einem Scheinarmband und fand keinen signifikanten Unterschied, was auf eine psychische Wirkung (Placeboeffekt) hindeutet. Auch bei strahlentherapiebedingter Übelkeit und Erbrechen war echte Akupunktur der Scheinakupunktur nicht überlegen, was diese Vermutung stärkte. Der Placeboeffekt ist eine positive Wirkung medizinisch unwirksamer Mittel oder Methoden durch den Glauben des Patienten an deren Wirksamkeit.

Akupunktur und psychische Probleme

Studien zeigten, dass bei Akupunktur freigesetztes Serotonin hilft, allgemeine Missstimmung zu verringern. In einer Untersuchung nahmen nach Operation Akupunktur und Massage bei Krebspatienten depressive Symptome ab. Auch Studien an Menschen ohne Krebs fanden eine signifikante Verringerung von Angststörungen. Starke Belege für direkten Nutzen bei krebsbezogener Angst, Depression oder Schlafproblemen fehlen dennoch. Hochwertige Studien sind nötig.

Akupunktur und Mundtrockenheit

Mundtrockenheit ist bei bestrahlten Kopf-Hals-Krebspatienten häufig und beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich. Einige klinische Studien beobachteten Nutzen bei Behandlung und Vorbeugung sowie erhöhten Speichelfluss. Eine 2013 in Annals of Oncology veröffentlichte Studie mit seit über 18 Monaten nach Strahlentherapie chronisch mundtrockenen Kopf-Hals-Krebspatienten, insgesamt 145 Menschen, fand in der Akupunkturgruppe mehr Speichel und eine deutliche Beschwerdelinderung.

Akupunktur und Lymphödem

Ein Lymphödem, umgangssprachlich auch Elefantenkrankheit genannt, entsteht durch Austritt und Ansammlung von Lymphflüssigkeit im Gewebe. Bei Krebspatienten betrifft es nach Strahlentherapie oder Entfernung von Leisten- beziehungsweise Achsellymphgefäßen und -knoten Arme und Beine. Schmerzen und Bewegungseinschränkungen beeinträchtigen die Lebensqualität. Ausreichend umfassende Studien zur Akupunktur fehlen; hochwertige Untersuchungen sind erforderlich. Eine kleine Studie mit 35 Patienten deutete jedoch an, dass die Akupunkturform Moxibustion Lymphödeme verringern könnte.

Akupunktur und Leukopenie

Leukopenie ist eine verringerte Zahl weißer Blutkörperchen. Unter Chemotherapie und/oder Strahlentherapie ist sie durch Unterdrückung des blutzellbildenden Knochenmarks häufig und erhöht das Infektionsrisiko. Obwohl die englischsprachige medizinische Literatur keine Studien zur Akupunkturwirkung darauf enthält, deuten chinesische Untersuchungen auf einen gewissen Nutzen bei chemo- und strahlentherapiebedingter Leukopenie hin. Die Belege sind jedoch schwach; verlässliche Studienergebnisse sollten abgewartet werden.

Akupunktur und Hitzewallungen

Die bei Frauen mit Brustkrebs und Männern mit Prostatakrebs häufige Hormontherapie verursacht Hitzewallungen und Schweißausbrüche. Standardmäßig wird dagegen Venlafaxin (Efexor) eingesetzt. Eine 2010 im Journal of Clinical Oncology veröffentlichte Vergleichsstudie fand Akupunktur gegen Hitzewallungen genauso wirksam wie Venlafaxin. Dessen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Mundtrockenheit und Angst traten in der Akupunkturgruppe nicht auf. Die Studie bewertete Akupunktur daher als sicher und wirksam. Angesichts der Teilnehmerzahl müssen diese Ergebnisse jedoch durch weitere Forschung gestützt werden.

Akupunktur und Empfindungsstörungen

Nur wenige Studien untersuchten Akupunktur bei chemotherapiebedingten Empfindungsproblemen an Händen und Füßen wie Taubheit, Kribbeln und veränderter Wahrnehmung (periphere Neuropathie). Ihre Ergebnisse sind widersprüchlich.

Akupunktur und Atemnot

Es gibt einige kleine Untersuchungen zu krebsbedingter Atemnot, doch auch deren Ergebnisse widersprechen sich. Für eine eindeutige Aussage zur Wirkung sind umfassende, gut geplante Studien nötig.

Akupunktur ist somit kein Verfahren zur Steigerung der Krebsbehandlungswirksamkeit oder zur Krebsheilung. Den Patienten durch eine nichtmedikamentöse, nebenwirkungsarme Methode zu mehr Lebensqualität zu verhelfen ist dennoch sehr wichtig. Akupunktur könnte bestimmte krebsbedingte Beschwerden und Therapienebenwirkungen lindern und vielleicht künftig sogar zur onkologischen Standardanwendung werden. Leider überwiegen jedoch rein kommerzielle und unkundige Anbieter, und es ist schwer, Ärzte mit sicherster und korrekter Anwendung zu finden. Bei der Zentrumswahl muss deshalb große Sorgfalt gelten. Besonders Anbietern, die Wunder versprechen oder Krebsheilung behaupten, darf nicht geglaubt werden. Bei jedem Schritt für Ihre Gesundheit Ihre Ärzte zu konsultieren und ihre Anleitung einzuholen wird stets der sicherste Weg sein.

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Drozdogan-Assistent

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