Zum Inhalt
Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Was ist Reflexzonenmassage? Kann sie bei Krebspatienten als komplementäre und alternative Methode eingesetzt werden?

Was ist Reflexzonenmassage? Kann sie bei Krebspatienten als komplementäre und alternative Methode eingesetzt werden?
In diesem Artikel

Reflexzonenmassage; ist eine komplementäre, alternativmedizinische Methode, bei der meist am Fuß, manchmal auch an der Hand, Druck auf bestimmte Punkte ausgeübt wird, um Beschwerden zu lindern. Bei der vermutlich etwa 5000 Jahre alten Reflexzonenmassage glaubt man, dass bestimmte Fußpunkte über Energiekanäle mit bestimmten Organen oder Körpersystemen verbunden sind und Druck darauf auch im entsprechenden Organ oder System Erleichterung bewirkt.

Für diese behaupteten Verbindungen und Mechanismen gibt es jedoch bislang keinerlei Belege. Die bisherigen Studien konzentrierten sich deshalb weniger darauf als auf die Beschwerdelinderung. Einige zeigten insbesondere bei Schmerzen und Angststörungen positive Ergebnisse, weisen jedoch methodische Mängel auf. Derzeit gibt es somit keine verlässlichen Belege für den Einsatz der Reflexzonenmassage bei irgendeinem klinischen Zustand. Da sie hinsichtlich unerwünschter Wirkungen als sicher gilt, kann dennoch erwogen werden, sie als unterstützende Pflegeleistung anzubieten.

Was ist Reflexzonenmassage?

Komplementäre und alternative Methoden nehmen kontrolliert oder unkontrolliert einen wachsenden Platz im Leben von Krebspatienten ein. Europäischen Befragungen zufolge nutzen etwa %36 solche Verfahren. Die Reflexzonenmassage gehört zu den manipulativen und körperbezogenen Anwendungen und ist in Amerika eine der 6 am häufigsten verwendeten komplementären Methoden.

Die Reflexzonenmassage ist eine komplementäre Methode nach dem Prinzip, durch systematischen Druck auf bestimmte Reflexpunkte meist am Fuß, bei manchen Anwendungen an der Hand, Entspannung und Besserung zu bewirken. Man glaubt, dass durch bestimmte Fußpunkte Energiekanäle verlaufen und Druck blockierte Kanäle öffnet, sodass das Gleichgewicht der entsprechenden Organe, Drüsen oder Systeme wiederhergestellt wird. Manche Reflexzonentherapeuten behaupten außerdem, dass eine ertastete Empfindlichkeit oder ein sandiges Gefühl an bestimmten Fußpunkten ein Ungleichgewicht der Organe oder Systeme anzeige, die Methode also auch diagnostisch sei.

Geschichte der Reflexzonenmassage

Obwohl behauptet wird, Druckbehandlungen an Händen und Füßen seien erstmals vor 5000 Jahren in China entstanden, finden sich die ältesten Anwendungsbelege in ägyptischen Papyri aus der Zeit um 2300 vor Christus. In Europa verbreitete sie sich im 14. Jahrhundert als „Zonentherapie“. Anfang des 20. Jahrhunderts beobachtete Dr. William Fitzgerald, der als Vater der Reflexzonenmassage gilt, dass Druck auf bestimmte Knochenvorsprünge an anderen Körperstellen Taubheitsgefühle auslöste. Er hielt diese Reflexantworten für therapeutisch nutzbar. Später kartierte die Physiotherapeutin Eunice Ingham Reflexpunkte an Händen und Füßen und legte damit die Grundlagen der heutigen Reflexzonen. Die Methode wurde danach von vielen bevorzugt, weil sie als sicher gilt, auf einfachen manuellen Techniken ohne Medikamente oder Eingriffe beruht und leicht anzuwenden ist.

Wie wird Reflexzonenmassage angewendet?

Die Sitzungen dauern meist 1 Stunde und finden wöchentlich statt. Die Umgebung muss entspannend sein. Beim ersten Termin muss zunächst eine gründliche Krankengeschichte erhoben werden, um Gesundheitszustand und Beschwerden genau zu erfassen. Danach ist zu fragen, ob die Beschwerden ärztlich untersucht wurden. Falls nicht, muss dazu geraten werden. Außerdem ist zu erklären, dass kein Medikament ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt werden darf. Als zweiten Schritt untersucht der Reflexzonentherapeut die Füße sorgfältig. Bei Hindernissen wie Wunden, Ödemen, Infektionen oder Gefäßerkrankungen darf die Behandlung nicht erfolgen. Entsteht ein Verdacht auf ein bestimmtes gesundheitliches Problem, soll er diesen nicht mitteilen, sondern lediglich zum Arztbesuch raten: Reflexzonentherapeuten haben weder Befugnis noch Qualifikation zur Diagnosestellung. Nach der Sitzung ist über mögliche Nebenwirkungen aufzuklären und bei unerwarteten Wirkungen zur Kontaktaufnahme aufzufordern.

Bei Krebspatienten darf Reflexzonenmassage nur mit Wissen des Onkologen angewendet werden. Insbesondere unter Chemotherapie, Radium- oder Hormonbehandlung ist Vorsicht geboten; die ausführende Person muss umfassend qualifiziert sein.

Wie soll die Wirkung entstehen?

Als mögliche Wirkmechanismen werden die Energiekanaltheorie, die Milchsäuretheorie und die Neuromatrix-Schmerztheorie genannt. Nach der Energiekanaltheorie stört eine Blockade von Energiekanälen das Gleichgewicht der Organe und Systeme; Reflexzonenmassage soll die Kanäle öffnen und das Gleichgewicht wiederherstellen. Die Milchsäuretheorie besagt, Druck und Massage zerlegten im Fuß angesammelte Milchsäurekristalle und erhöhten den Energiefluss. Die Neuromatrixtheorie dient auch allgemein zur Erklärung der Massagewirkung. Danach werden Berührungs- und Druckreize schneller als Schmerzreize weitergeleitet, schließen neuronale Tore im Rückenmark und hemmen die Schmerzleitung. Nach einer anderen Auffassung wirkt Reflexzonenmassage lediglich als einfache pflegerische Zuwendung entspannend und vermindert dadurch Anspannung und Stress.

Welche Ergebnisse zeigen klinische Studien zur Reflexzonenmassage bei Krebs?

Die Literatur enthält zahlreiche Studien zur Beschwerdelinderung bei Krebs und anderen Erkrankungen. Bei Krebspatienten werden besonders Schmerzen, Übelkeit, Depression, Angststörungen und Atemnot untersucht. Viele Studien lieferten negative, einige auch positive Ergebnisse. Auch diese weisen jedoch erhebliche methodische Mängel auf. Als derzeit einzige mögliche Schlussfolgerung zu positiven Wirkungen lässt sich anführen, dass allgemeine Entspannung Stress reduziert und Schmerzen zumindest kurzfristig lindern kann.

Eine 2008 veröffentlichte Übersicht mit 5 klinischen Studien bewertete die Linderung krebsbedingter Beschwerden. Die Untersuchungen waren methodisch zu begrenzt für eine eindeutige Schlussfolgerung. Eine weitere Übersicht von 2008 fand keine verlässlichen Belege für eine spezifische Wirkung bei irgendeinem Zustand; lediglich bei Blasenentleerungsproblemen von Patienten mit MS (multipler Sklerose) könne ein Nutzen bestehen. Eine 2009 veröffentlichte Übersicht über 18 klinische Studien fand ebenfalls keine überzeugenden Daten für den Einsatz bei irgendeinem Gesundheitszustand. Eine Übersicht von 2010 mit Brustkrebspatientinnen zeigte eine Linderung von Schmerzen, Schwäche und Übelkeit. Wegen kleiner Fallzahlen, ungeeigneter Kontrollgruppen und kurzer Beobachtungs- oder Behandlungszeiträume ist das Fehlerrisiko jedoch hoch. Eine Metaanalyse von 2015 untersuchte die nach Schulung selbst angewendete Reflexzonenmassage hinsichtlich Stress, Angst, Schwäche sowie Cortisolspiegel im Blut, Blutdruck und Puls. Auch sie fand keine ausreichenden Belege für eine Anwendungsempfehlung.

Eine umfassende klinische Studie von 2012 mit 385 Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs unter Chemotherapie und/oder Hormontherapie zeigte in der Reflexzonenmassagegruppe bessere körperliche Funktionen und insbesondere weniger Atemnot. Methodische Mängel begrenzen jedoch die Zuverlässigkeit. Eine weitere klinische Studie von 2010 mit 183 Frauen mit Brustkrebs im Frühstadium zeigte nach postoperativer Reflexzonenmassage eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Wegen des Studiendesigns lässt sich dies jedoch schwer als spezifische Wirkung zuordnen. Zwei weitere klinische Studien aus dem Jahr 2000 mit 23 und aus 2007 mit 86 Krebspatienten zeigten weniger Schmerzen und Angst, jedoch nur kurzfristig.

Bei 35 Patienten mit metastasiertem, also in entfernte Gewebe gestreutem Krebs zeigte eine kleine Studie aus 2003 eine Schmerzlinderung. Eine Bewertung 3 Stunden nach der Behandlung fand jedoch keinen signifikanten Unterschied. Ein gewisser schmerzlindernder Nutzen war somit nur kurzfristig. Eine 2016 veröffentlichte Studie mit 26 Brustkrebspatientinnen und Lymphödem nach Entfernung der Achsellymphknoten zeigte einen gewissen Nutzen der Fußreflexzonenmassage für das brustkrebsbedingte Lymphödem. Eine weitere Studie mit 17 fortgeschritten erkrankten Krebspatienten verglich Reflexzonenmassage mit einfacher Fußmassage. Beide brachten vorübergehende Entspannung; Reflexzonenmassage war nicht überlegen. Eine Untersuchung von 2013 zu Blutdruck, Herzfrequenz, Herzrhythmus und Blutströmungsgeschwindigkeit fand keine signifikanten Effekte auf diese Werte.

Ist Reflexzonenmassage sicher?

Da sie auf einfachen manuellen Techniken ohne Medikamente oder Eingriffe beruht, gilt Reflexzonenmassage als sicher. Abgesehen von wenigen Berichten und Warnungen enthält die Literatur keine bedeutenden Meldungen unerwünschter Wirkungen. Einige Studien berichteten Schwäche sowie Veränderungen der Nieren- und Darmfunktion. Eine Studie mit 130 am Bauch operierten Patienten wendete Reflexzonenmassage ab dem Tag vor der Operation über 10 Tage an und bewertete Allgemeinzustand und Schmerzen. Sie brachte keine deutliche Schmerzlinderung und verstärkte sogar die postoperativen Bauchschmerzen. Eine weitere Studie berichtete, dass wiederholte Sitzungen die Empfindlichkeit druckempfindlicher Fußpunkte erhöhen und zusätzliche kleinere Beschwerden verursachen können. Manche Quellen nennen Müdigkeit, Schwellung am Anwendungsort und häufigeres Wasserlassen als mögliche Nebenwirkungen und betonen, Patienten vorher darauf hinzuweisen.

Als Gegenanzeigen gelten Geschwüre, Infektionen, Wunden oder Quetschungen im Behandlungsgebiet, Lymphödem, Gicht, periphere Gefäßerkrankungen und tiefe Venenthrombose, also Blutgerinnsel in Venen. Besonders betont wird: Reflexzonentherapeuten besitzen weder Befugnis noch Qualifikation zur Diagnose oder Behandlung. Die Methode darf außer als unterstützende Pflege nicht als primäres Verfahren zur Diagnose oder Behandlung irgendeiner Erkrankung eingesetzt werden.

Was sollte man also tun?

Bisherige klinische Studien lieferten keine bedeutsamen Belege dafür, dass bestimmte Fußpunkte wie behauptet bestimmten Organen oder Systemen entsprechen und bei deren Erkrankungen nützen. Zahlreiche Studien untersuchten bei Krebspatienten insbesondere Schmerzen, Angst, Depression und Atemnot; einige ergaben positive Resultate. Wegen geringer Fallzahlen, fehlender Kontrollgruppen, unterschiedlicher Anwendung und anderer methodischer Probleme tragen sie jedoch ein hohes Fehlerrisiko. Da die Methode dennoch als sicher gilt und wenn auch nicht starke Hinweise auf kurzfristige Entspannung und Schmerzlinderung bestehen, kann sie in sicheren, nicht missbräuchlich handelnden Händen angewendet werden. Entscheidend ist: Sie kann keine Erkrankung diagnostizieren oder behandeln, sondern lediglich als entspannende Pflegetechnik dienen.

DROZDOGAN KI

Diesen Artikel gemeinsam erkunden

Fragen Sie zum Artikel und lesen Sie die Antworten zusammen mit veröffentlichten Quellen unserer Website.

DROZDOGAN KI

Drozdogan-Assistent

Was ist Reflexzonenmassage? Kann sie bei Krebspatienten als komplementäre und alternative Methode eingesetzt werden?

Fragen Sie zum Artikel und lesen Sie die Antworten zusammen mit veröffentlichten Quellen unserer Website.

Gesprächs- und Datenschutzinformationen

Der Drozdogan-Assistent beantwortet dieses Gespräch. Autorisierte Websiteadministratoren können es zur Qualitätsprüfung einsehen. Teilen Sie keine persönlichen Informationen.

Antworten werden mit der OpenAI-Infrastruktur erstellt. Fragen und Antworten werden dort verarbeitet; Gesprächsaufzeichnungen werden auf unserer Website gespeichert. Teilen Sie keine Identitäts-, Kontakt- oder persönlichen Gesundheitsdaten.

0 / 1000

Nur zur Information; keine persönliche Diagnose oder Behandlungsempfehlung.

Ähnliche Artikel

Entdecken Sie weitere Artikel zu diesem Thema.

Bleiben Sie informiert

Erhalten Sie neue Artikel und wissenschaftliche Neuigkeiten per E-Mail.

Google Analytics läuft auf öffentlichen Seiten unabhängig von diesem Fenster und kann Analyse-Cookies verwenden. Ihre Auswahl hier steuert nur externe Dienste.