Weltweit jährlich 740 Tausend neue Krebsdiagnosen durch Alkohol

In diesem Artikel
Alkoholkonsum war 2020 für 4% aller weltweit diagnostizierten Krebserkrankungen verantwortlich. Das entspricht etwa 740 Tausend Menschen; drei Viertel dieser Erkrankungen traten bei Männern auf. Am häufigsten entstanden alkoholbedingte Tumoren in Speiseröhre, Leber und Brust.
Diese Ergebnisse stammen aus einer Analyse der Internationalen Agentur für Krebsforschung (International Agency for Research on Cancer = IARC), einer Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation, und wurden am 13. Juli 2021 in The Lancet Oncology veröffentlicht.
Wir müssen das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Alkohol und Krebs dringend stärken
Es gibt viele Fehlinformationen, manche davon aus der Alkoholindustrie selbst. Obwohl offene Alkoholwerbung offiziell verboten ist, nehmen auf Internetkanälen verlockende und teilweise verdeckte Werbebotschaften zu.
Die Öffentlichkeit braucht klare, unabhängige Informationen. Diese große, solide Studie trägt wesentlich dazu bei, die Risiken zu verdeutlichen. Sie liefert weitere eindeutige Belege, dass Alkoholkonsum besonders bei stark Trinkenden eine erhebliche Krebslast verursacht.
Einzelheiten der Studie
Um die alkoholbedingte Krebslast abzuschätzen, erhoben die Erstautorin Harriet Rumgay und ihre Kollegen für verschiedene Krebsarten und alle Krebsarten zusammen Inzidenzdaten aus GLOBOCAN 2020 (Weltweite Krebsstatistik).
Unter der Annahme eines Intervalls, also einer Verzögerung, von 10 Jahren zwischen Alkoholkonsum und Krebsdiagnose untersuchten sie Schätzungen des Pro-Kopf-Konsums für 2010 aus dem Globalen Informationssystem zu Alkohol und Gesundheit. Die Schätzungen wurden nach Alter und Geschlecht unterteilt.
Ergebnisse
- Die Analyse zeigte, dass von allen Krebsfällen im Jahr 2020 741.300 (4,1%) auf Alkoholkonsum zurückzuführen waren und dass 568.700 dieser Fälle (76,7%) bei Männern auftraten.
- Die altersstandardisierte Inzidenz, also die jährlich neu auftretende Fallzahl alkoholbedingter Krebserkrankungen, beträgt bei Männern 13,4 je 100.000 Menschen und bei Frauen 3,7 je 100.000.
- Die häufigsten auf Alkoholkonsum zurückzuführenden Krebsarten waren Speiseröhrenkrebs (189.700 Fälle; 31,6%), Leberkrebs (154.700 Fälle; 17,3%) und Brustkrebs (98.300 Fälle; 4,4%).
- Starker Konsum, definiert als >60 Gramm/Tag, war für 46,7% der alkoholbedingten Krebserkrankungen verantwortlich. Riskanter Konsum, definiert als 20–60 Gramm/Tag, verursachte 29,4% der alkoholbezogenen Krebserkrankungen.
- Mäßiger Konsum, definiert als <20 Gramm/Tag und damit etwa zwei Gläser täglich, trug zu 13,9% der alkoholbedingten Krebsfälle bei.
- Regional fand die Analyse die höchsten Anteile alkoholbedingter Krebsfälle in Ostasien (5,7%) sowie Mittel- und Osteuropa (5,6%). Am niedrigsten waren sie in Westasien (0,7%) und Nordafrika (0,3%).
- Auf Länderebene war der geschätzte Anteil alkoholbedingter Krebsfälle in der Mongolei am höchsten (10%) und in Kuwait am niedrigsten (0%).
- In China lag der geschätzte Anteil alkoholbedingter Krebsfälle bei 6%, in Indien und Frankreich bei 5%, in Deutschland, Brasilien und dem Vereinigten Königreich bei 4% sowie in den Vereinigten Staaten bei 3%.
Zu den Geschlechterunterschieden berichtete das Team: "Mit der stärkeren Beteiligung von Frauen an bezahlter Beschäftigung wurde bei ihnen ein Anstieg des Alkoholkonsums gemeldet". Dies lässt für die Zukunft mehr alkoholbedingte Krebserkrankungen bei Frauen erwarten.
Dass Brustkrebs bei alkoholbedingten Krebserkrankungen an 3. Stelle steht, scheint diese Sorge zu bestätigen.
Die Erfassung des Alkoholkonsums muss verbessert werden
Die Messung des Alkoholkonsums beruhte in dieser Studie auf Selbstauskünften. Dies wirft Fragen zur Objektivität auf. Künftig könnte die Verwendung von Biomarkern, die die konsumierte Alkoholmenge objektiver erfassen, genauere Schätzungen ermöglichen.
Objektive Angaben zur Alkoholmenge können durch direkte Alkoholbiomarker wie Phosphatidylethanol gewonnen werden. Dieses „abnorme“ Phospholipid entsteht in Gegenwart von Ethanol und bindet an weiße Blutzellen (rote Blutzellen).
Die Messung eines Biomarkers zusammen mit einer sorgfältigen Befragung zum früheren Konsum könnte helfen, nicht nur die aktuelle, sondern auch die frühere Alkoholexposition zu bestimmen.
Ein ähnliches Verfahren ist die bei Diabetes verwendete Messung von HbA1c (glykolysiertes Hämoglobin), das inzwischen allgemein als Standardbiomarker anerkannt ist.
Diese Ergebnisse stimmen mit früheren Befunden überein. Wir wissen bereits, dass Alkohol sieben Krebsarten verursacht, darunter Brust-, Speiseröhren-, Mund- und Rachenkrebs.
Dieses Risiko wird der Öffentlichkeit jedoch nicht ausreichend vermittelt.
Wir müssen im Voraus anerkennen, dass Warnhinweise zu Gesundheitsschäden auf Alkohol wie auf Zigaretten nicht ausreichen werden. Dafür brauchen wir offensichtlich klügere Strategien.
*

Quellen
War dieser Artikel hilfreich?
Ihre Rückmeldung hilft uns, unsere Inhalte zu verbessern.





Leserkommentare
Kommentar verfassen
Ihr Name und Ihr Kommentar werden erst nach Freigabe durch die Administration veröffentlicht. Ihre E-Mail-Adresse wird Besuchern niemals angezeigt.
Schreiben Sie den ersten Kommentar.