Krebsprävention durch Immuntherapie – neue Hoffnung beim Lynch-Syndrom

In diesem Artikel
Was ist das Lynch-Syndrom und warum ist es wichtig?
Das Lynch-Syndrom ist eine erbliche genetische Erkrankung, bei der eine gestörte Reparatur von DNA-Schäden das Krebsrisiko erheblich erhöht. Betroffene haben mit 70% eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, im Laufe ihres Lebens mindestens eine Krebserkrankung zu entwickeln. Am häufigsten besteht ein Zusammenhang mit Darmkrebs (Dickdarm und Rektum), Magenkrebs und Gebärmutterkrebs (Endometriumkarzinom). Auch Tumoren der Eierstöcke, des Dünndarms und bestimmte Harnleitertumoren gehören zum Risikospektrum.
Eine am 16. Oktober 2023 in Nature Medicine veröffentlichte Studie stellt eine Behandlungsoption vor, mit der sich die Risiken dieser genetischen Erkrankung möglicherweise kontrollieren lassen: den Einsatz von Immuncheckpoint-Inhibitoren (Kontrollpunkthemmern) als Immuntherapie.
Die wichtigsten Ergebnisse der Nature-Studie
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Teilnehmerzahl:
- In die Untersuchung wurden insgesamt 172 Patienten mit diagnostiziertem Lynch-Syndrom aufgenommen.
- Sie wurden mit Immuncheckpoint-Inhibitoren wie Opdivo und Keytruda behandelt.
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Auftreten neuer Krebserkrankungen:
- Nach der Immuntherapie entwickelten etwa 12% der Patienten eine neue Krebserkrankung (21 Patienten).
- Von diesen neu aufgetretenen Krebserkrankungen waren etwa 50% Hautkrebserkrankungen(weniger schwerwiegende Formen).
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Hautkrebs und viszerale Tumoren:
- Die meisten Hautkrebserkrankungen wurden leicht erkannt und behandelt.
- Der Anteil viszeraler Tumoren, also Tumoren innerer Organe, war bei den mit Immuntherapie behandelten Patienten signifikant niedriger:
- Der Anteil der Patienten, die später einen Tumor innerer Organe entwickelten, betrug unter Immuntherapie 8% und ohne Immuntherapie 16% .
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Vergleichende Risikoanalyse:
- Die mit Immuntherapie behandelten Patienten wurden mit einer Kontrollgruppe unter Chemotherapie verglichen.
- In der Immuntherapiegruppe war die Rate neu aufgetretener schwerwiegender Krebserkrankungen um etwa 50% niedriger.
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Zeitlicher Verlauf:
- Die Patienten wurden in der Untersuchung nach der Behandlung 3 Jahre lang nachbeobachtet.
- Während der Nachbeobachtung blieb die Rate schwerwiegender viszeraler Tumoren in der Immuntherapiegruppe deutlich niedriger.
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Nebenwirkungen:
- Neben den Hautkrebserkrankungen wurden einige leichte immunologische Nebenwirkungen der Therapie beobachtet.
- Die überwiegende Mehrheit dieser Nebenwirkungen ließ sich jedoch kontrollieren oder behandeln.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Immuntherapie nicht nur zur Behandlung von Krebs, sondern möglicherweise auch zur Krebsprävention dienen könnte.

Vorteile und Grenzen der Immuntherapie
Die Untersuchung betont, dass Hautkrebserkrankungen bei den mit Immuntherapie behandelten Patienten früh erkannt und leicht behandelt werden konnten. Noch wichtiger ist jedoch die geringere Rate viszeraler Tumoren.
Diese Hautkrebserkrankungen haben klinisch keine großen Auswirkungen. Entscheidend ist, dass wir Tumoren der inneren Organe verringern konnten.
Auch die Nebenwirkungen von Immuncheckpoint-Inhibitoren müssen sorgfältig bewertet werden. Bei einem vorbeugenden Einsatz müssen Patienten und Ärzte die Nebenwirkungen dieser Behandlung gründlich abwägen.
Mehr Hautkrebs bei Lynch-Syndrom-Patienten unter Immuntherapie
Für die häufigeren Hautkrebserkrankungen bei Menschen mit Lynch-Syndrom unter Immuntherapie kommen mehrere mögliche Ursachen infrage. Obwohl die zugrunde liegenden Mechanismen noch nicht vollständig geklärt sind, lassen sich folgende Möglichkeiten diskutieren:
1. Nebenwirkungen der Immunaktivierung
Immuntherapien sollen das Immunsystem aktivieren, damit es Krebszellen angreift. Diese Aktivierung kann jedoch eine überschießende Reaktion gegen gesunde Hautzellen hervorrufen. Eine gesteigerte Zellvermehrung oder das Fortschreiten von Krebsvorstufen könnte dadurch das Auftreten von Hautkrebs begünstigen.
2. Empfindlichkeit gegenüber ultraviolettem Licht (UV)
Veränderungen des Immunsystems können Hautzellen anfälliger für UV-Strahlen machen. Nach einer Immuntherapie könnte die Haut empfindlicher auf Sonnenlicht reagieren, was das Hautkrebsrisiko erhöhen könnte.
3. Die besondere genetische Grundlage des Lynch-Syndroms
Gestörte DNA-Reparaturmechanismen (MMRd) können bei Menschen mit Lynch-Syndrom nicht nur in inneren Organen, sondern auch in der Haut zur Ansammlung von Zellmutationen führen. Eine Immuntherapie könnte diese genetische Veranlagung aktivieren und dadurch das häufigere Auftreten von Hautkrebs begünstigen.
4. Priorisierung durch das Immunsystem
Eine Immuntherapie könnte die Immunabwehr insbesondere gegen viszerale Tumoren wirksamer machen. Dabei wäre es möglich, dass das Immunsystem bestimmte Krebsvorstufen oder Läsionen mit geringem Risiko in der Haut übersieht. Dies könnte zu häufigeren Hautkrebserkrankungen führen.
Wirkmechanismus der Immuntherapie beim Lynch-Syndrom
Beim Lynch-Syndrom erhöht eine Störung der DNA-Reparaturmechanismen (dMMR) das Krebsrisiko.
dMMR (mismatch repair deficient) bezeichnet eine Abweichung, die die korrekte Reparatur der DNA in der Zelle beeinträchtigt. Sie wird durch genetische Tests am Tumorgewebe festgestellt.
Diese Veränderung macht Tumoren für das Immunsystem besser erkennbar. Checkpoint-Inhibitoren, die die Immunabwehr zum Angriff auf den Krebs anregen, können deshalb bei Patienten mit dMMR-Tumoren sehr wirksam sein.
Diese Studie zeigt erstmals das Potenzial der Immuntherapie zur Krebsprävention.
Die Bedeutung der Lynch-Syndrom-Diagnose und der Früherkennung
90% der Menschen mit Lynch-Syndrom wissen nicht, dass sie diese Veranlagung tragen.
Die Untersuchung von Tumoren auf dMMR hilft nicht nur bei der Wahl der besten Behandlung. Sie liefert auch entscheidende Informationen zur Einschätzung künftiger Risiken für Familienmitglieder.
Ein umfassender Ansatz beim Lynch-Syndrom
Menschen mit Lynch-Syndrom und anderen erblichen Krebssyndromen benötigen eine umfassende Betreuung mit engmaschiger Überwachung und regelmäßigen Früherkennungsuntersuchungen. Diese umfasst verschiedene Verfahren zur Verringerung des Krebsrisikos und zur frühen Erkennung:
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Koloskopie: Sie wird häufig zur frühen Erkennung erblicher Dickdarmkrebserkrankungen durchgeführt.
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Endoskopie: Sie dient dem Nachweis möglicher Krebserkrankungen im oberen Magen-Darm-Trakt, also in Magen und Dünndarm.
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Urinuntersuchungen: Sie werden regelmäßig zur frühen Erkennung von Tumoren des Urogenitalsystems, insbesondere von Niere und Harnleiter, durchgeführt.
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Hautkrebsfrüherkennung: Zur Erkennung von Hautkrebs im Frühstadium werden regelmäßige Kontrollen empfohlen.
Da für gynäkologische Krebserkrankungen keine wirksame Früherkennungsmethode verfügbar ist, entscheiden sich viele Frauen mit Lynch-Syndrom nach Abschluss der Familienplanung für die operative Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken. Diese Entscheidung sollte entsprechend dem persönlichen Risikoprofil und der Familienanamnese gemeinsam mit den behandelnden Ärzten abgewogen werden.
Zukunftsperspektive: Klinische Forschung
Die Forschenden planen eine neue klinische Studie, um die vorbeugende Wirkung dieser Behandlung genauer zu untersuchen. Die Anwendung muss jedoch unter sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken erfolgen.
Zusammenfassend eröffnet die Studie durch die Untersuchung des krebspräventiven Potenzials der Immuntherapie große Hoffnung für Menschen mit Lynch-Syndrom. Eine breitere Anwendung genetischer Tests und die Integration dieses Ansatzes in die klinische Praxis könnten den Beginn einer neuen Phase im Kampf gegen Krebs markieren.




Quellen
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