Präzisere Hodenkrebsbehandlung durch ein Zweitmeinungssystem

Die Deutsche Hodenkrebsstudiengruppe veröffentlicht seit 1996 eine Reihe von Behandlungsleitlinien zur Verbesserung der Versorgungsqualität. In ihrer Ausgabe von 2008 wurden sie als „Europäischer Konsens zur Diagnose und Behandlung von Keimzelltumoren“ aktualisiert. Der Einfluss einiger in den Leitlinien veröffentlichter Studien auf die klinische Praxis erwies sich als begrenzt. Daher richtete die Deutsche Hodenkrebsstudiengruppe im Jahr 2006 ein nationales Zweitmeinungssystem zur Therapieplanung bei Patienten nach Stadienbestimmung und Orchiektomie, also operativer Hodenentfernung, ein, um die Behandlungsqualität zu erhöhen.
Ziel der Studie war, den Einfluss der Leitlinien mit dem zur Qualitätsverbesserung eingeführten Zweitmeinungssystem zu untersuchen.
Zunächst wurde ein internetbasiertes Netzwerk zum Informationsaustausch zwischen ratsuchenden Urologen und Zweitmeinungszentren aufgebaut. Die aus 18 Kliniken bestehenden Zweitmeinungszentren wirkten an der Entwicklung der Behandlungsleitlinien mit.
Erfasst wurden klinische, radiologische und pathohistologische Informationen, die geplante Behandlung, die vom Zweitmeinungszentrum empfohlene Therapie sowie eine Krankheitsüberwachung ohne Behandlung.
Zwischen Februar 2006 und September 2008 wurden 642 Zweitmeinungen angefordert. In %32.3 der Fälle unterschieden sich die vom ratsuchenden Urologen geplante Behandlung und die Empfehlung des Zweitmeinungszentrums. Diese Abweichungen waren bei Nichtseminomen häufiger als bei Seminomen und nahmen bei fortgeschrittenen Tumoren tendenziell zu. In %71.8 der Fälle wurde die vom Zweitmeinungszentrum empfohlene Behandlung umgesetzt. Durch abweichende Zweitmeinungen wurden laut Bericht unnötige Behandlungen zu %40.3 und unzureichende Behandlungen zu %26.5 verhindert.
Bei etwa jedem sechsten Patienten führte die Zweitmeinung zu einer Behandlungsänderung. Die Studie zeigte, dass selbst bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung wie Krebs erhebliche Meinungsunterschiede bestehen können und dass ein Zweitmeinungssystem den Zugang zu spezialisierten Ärzten erleichtern kann. Auch wir gehen davon aus, dass sich dieses System künftig weiterentwickeln und bei allen Krebsarten ein wichtiger Bestandteil der Diagnose- und Therapieentscheidung werden wird.
Quellen
Burden or relief: do second-opinion centers influence the quality of care delivered to patients with testicular germ cell cancer?
Eur Urol. 2010 May;57(5):867-72. doi: 10.1016/j.eururo.2009.10.032. Epub 2009 Nov 6.
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