Nur 10% der Patienten mit Bedarf an Palliativversorgung erhalten diese Leistung

In diesem Artikel
In der Medizin teilen wir Krankheiten grundsätzlich in 2 Gruppen ein: übertragbare Krankheiten und nichtübertragbare Krankheiten. Ursache der derzeitigen COVID-19-Pandemie ist das neuartige Coronavirus, ein übertragbarer Mikroorganismus. Wie Viren verursachen auch Bakterien und Pilze jedes Jahr viele Todesfälle. Nichtübertragbare Krankheiten machen jedoch etwa 80% aller Todesfälle aus. An erster Stelle stehen Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas, Diabetes, Demenz und chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD).
Mit der Alterung der Weltbevölkerung nimmt die Belastung durch nichtübertragbare Krankheiten weiter zu. Weltweit besteht ein dringender, ungedeckter Bedarf an Palliativversorgung.
Palliativversorgung umfasst Behandlungen für Menschen mit schweren und/oder fortschreitenden Erkrankungen und ihre Angehörigen, die von der Diagnose an über den gesamten Krankheitsverlauf die Lebensqualität verbessern und Beschwerden lindern sollen. Sie wird auch „unterstützende Behandlung“ genannt.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt, dass derzeit nur 10% der Menschen mit Bedarf an Palliativversorgung diese erhalten.
Die WHO schätzt, dass mehr als 56,8 Millionen Menschen Palliativversorgung benötigen. Die meisten dieser Patienten (78%) leben in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.
Die WHO ruft zu „dringendem, abgestimmtem Handeln“ auf, um den Zugang zu hochwertiger Palliativversorgung zu verbessern. Zu diesem Zweck veröffentlichte sie zwei neue Berichte. Sie sollen Ländern helfen, die Entwicklung der Palliativversorgung zu beurteilen und die Qualität entsprechender Leistungen zu verbessern.
Jährlich sterben 25 Millionen Menschen ohne ausreichende medizinische Linderung
Die Dringlichkeit dieses Themas wurde von The Lancet in seinem Bericht von 2017 hervorgehoben. Dies war die erste Studie, in der Palliativexperten das Ausmaß schweren krankheits- und verletzungsbedingten Leidens sowie den daraus entstehenden Bedarf an Palliativversorgung und Schmerzlinderung weltweit abschätzten.
The Lancet zufolge sterben jährlich mehr als 25,5 Millionen Menschen ohne ausreichende Linderung schweren körperlichen und psychischen Leidens.
Unter Bezug auf Vorurteile und Fehlinformationen über die sachgemäße medizinische Anwendung von Opioiden (narkotischen Schmerzmitteln) benannten die Forschenden die sogenannte „Opiophobie“ und weitere Hindernisse für Schmerzlinderung und Palliativversorgung.
Als weiteres Problem nannten sie, dass die Medizin sich „überwiegend“ auf Behandlung und Lebensverlängerung konzentriert und Versorgung sowie Lebensqualität von Patienten am Lebensende vernachlässigt.
Der fehlende Zugang zu Morphin spielt in vielen Teilen der Welt bei unzureichender Schmerzkontrolle eine große Rolle. Die Bürokratie kann sehr komplexe Probleme verursachen. In Ländern südlich der Sahara müssen Patienten wegen gesetzlicher Zugangskontrollen für Morphin beispielsweise Dutzende Meilen reisen, um sich bei einer örtlichen Polizeistation registrieren zu lassen. In der Türkei besteht dagegen kein Zugangsproblem zu Morphin und anderen opioiden Schmerzmitteln; wir haben jedoch erhebliche Vorurteile gegenüber diesen bei korrekter Anwendung sehr sicheren Schmerzmitteln.
Neue WHO-Berichte – Was Sie nicht messen, können Sie nicht steuern
Der erste Bericht zur Messung der Entwicklung der Palliativversorgung ruft zu einem weltweiten Konsens über „einen Satz handlungsrelevanter Indikatoren“ (a set of actionable indicators) auf, die verlässliche Daten liefern können, um klinische Entscheidungen auf diesem Gebiet zu unterstützen.
Das vorgeschlagene Modell hebt die für eine optimale Palliativversorgung erforderlichen 6 Komponenten hervor:
- solide Gesundheitspolitik zur Palliativversorgung;
- Anwendung grundlegender Palliativmedikamente;
- Bereitstellung von Palliativversorgung innerhalb integrierter Gesundheitsdienste;
- Aus- und Weiterbildung von Gesundheitsfachkräften und Freiwilligen in der Palliativversorgung;
- Stärkung von Menschen und Gemeinschaften; und
- Forschung zur Palliativversorgung.
Anhand des konzeptionellen Modells stellten die Forschenden 18 Indikatoren der Palliativversorgung zusammen. Dem Bericht zufolge kann jedes Land diese nach seinen individuellen Bedürfnissen nutzen.
Es wurden zwei Teilmengen von Indikatoren entwickelt. Die erste umfasst 10 Kernindikatoren, die für die Messung der Palliativversorgung im Land und für globale Vergleiche als notwendig gelten.
Die zweite Teilmenge umfasst strategische Indikatoren. Neun Indikatoren gelten als besonders geeignet und wichtig für die Messung in Ländern, deren Palliativversorgung sich in einem frühen Entwicklungsstadium befindet.
Der zweite Bericht konzentriert sich auf „praktische Ansätze und Ressourcen zur Unterstützung von Politik, Strategie und Umsetzung“. Die Autoren erörtern praktische Strategien, politische Maßnahmen und Planung für Palliativprogramme und -dienste und heben einschlägige Ressourcen der WHO hervor.
Am Versorgungsort kann hochwertige Palliativversorgung im Zusammenhang mit häuslicher Versorgung entwickelt und aufrechterhalten werden; Daten können erhoben und genutzt werden, um Verbesserungsbemühungen zu steuern.
Quellen
War dieser Artikel hilfreich?
Ihre Rückmeldung hilft uns, unsere Inhalte zu verbessern.





Leserkommentare
Kommentar verfassen
Ihr Name und Ihr Kommentar werden erst nach Freigabe durch die Administration veröffentlicht. Ihre E-Mail-Adresse wird Besuchern niemals angezeigt.
Schreiben Sie den ersten Kommentar.