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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie
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Neue Ära beim Lungenkrebs: Nicht die EGFR-Mutation, sondern die Proteinform als Ziel

Neue Ära beim Lungenkrebs: Nicht die EGFR-Mutation, sondern die Proteinform als Ziel
In diesem Artikel

Eine Wirkung, die auch das Gehirn erreicht: Was verspricht Firmonertinib bei seltenen PACC-Mutationen?

EGFR-Mutationen beim Lungenkrebs wurden viele Jahre lang nach der Frage „In welchem Exon?“ eingeteilt. Mutationen im selben Gen können die dreidimensionale Form des Proteins jedoch auf sehr unterschiedliche Weise verändern, und genau das bestimmt das Ansprechen auf Medikamente. Warum Lage und Proteinwirkung einer Mutation wichtig sind, haben wir bereits beschrieben. Nun wurde am 16. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Cancer Cell ein konkretes klinisches Beispiel für diesen Ansatz veröffentlicht: In der FURTHER-Studie erzielte Firmonertinib bei seltenen EGFR-Mutationen der sogenannten „PACC“-Gruppe vielversprechende Ansprechraten, auch bei Hirnmetastasen.

Kurzantwort · Ärztliche Zusammenfassung
  • Ergebnis: In einer Studie mit 60 Patienten mit fortgeschrittenem nichtkleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) und PACC-Mutation lag die objektive Ansprechrate unter Firmonertinib 240 mg täglich in der Erstlinie bei 68%, das mediane progressionsfreie Überleben (PFS) bei 16,0 Monaten. Mit 160 mg täglich betrugen diese Werte 43% und 11,1 Monate.
  • Hirnmetastasen: Bei 17 Patienten mit Hirnmetastasen zu Studienbeginn bildeten sich die Hirntumoren in 47% der Fälle zurück, in 41% verschwanden sie vollständig.
  • Einschränkung: Es handelt sich um eine kleine Phase-1b-Studie ohne Kontrollgruppe. Dasselbe Medikament verfehlte im Oktober 2026 in der Phase-3-Studie FURVENT bei Patienten mit EGFR-Exon-20-Insertion den primären Endpunkt. Firmonertinib ist weder in den USA noch in der Türkei zugelassen.
  • In der Praxis: Bei PACC-Mutationen werden heute Afatinib und Osimertinib eingesetzt. Firmonertinib sollte bis zum Ergebnis der Phase-3-Studie ALPACCA, die es mit diesen beiden Substanzen vergleicht, nur im Rahmen klinischer Studien in Betracht gezogen werden.

Warum ist das Thema wichtig?

EGFR-Mutationen gehören zu den wichtigsten Therapiezielen beim nichtkleinzelligen Lungenkarzinom. Sie finden sich in westlichen Ländern bei etwa 15% der Patienten, in Asien bei 30–40%, und treten besonders häufig bei Menschen auf, die nie geraucht haben. Ein großer Teil der Zulassungen, die die Lungenkrebstherapie in den letzten Jahren verändert haben, betraf dieses Gebiet. Die meisten dieser Patienten tragen eine der beiden sogenannten „klassischen“ Mutationen (Exon-19-Deletion und L858R), und die dafür entwickelten Medikamente haben das Überleben deutlich verlängert.

Etwa ein Drittel der Patienten mit EGFR-Mutation weist jedoch andere, sogenannte „atypische“ oder „seltene“ Mutationen auf, und diese Patienten profitieren von den klassischen Medikamenten nicht im gleichen Maß. Das Problem: Diese seltenen Mutationen bilden keine einheitliche Gruppe, denn jede verändert das Protein auf eigene Weise. Eine 2021 in Nature veröffentlichte Studie teilte EGFR-Mutationen nicht nach ihrer Lage, sondern nach ihrer Wirkung auf die Proteinstruktur in vier Gruppen ein und zeigte, dass diese Einteilung die Medikamentenempfindlichkeit besser vorhersagt als die Einteilung nach Exons. PACC ist eine dieser Gruppen und macht etwa 12% der EGFR-mutierten Lungenkarzinome aus. Um diese Mutationen nachzuweisen, ist eine umfassende Next-Generation-Sequenzierung (NGS) nötig; Tests, die nur nach den klassischen Mutationen suchen, können sie übersehen.

Die erste Therapie für seltene EGFR-Mutationen?

Nein. Aber eine der ersten großen Studien, die eigens für die PACC-Gruppe konzipiert wurde:

  • Afatinib (2018): In den USA wurde die Zulassung auf seltene EGFR-Mutationen wie G719X, S768I und L861Q erweitert. Grundlage waren gepoolte Daten aus mehreren Studien.
  • Osimertinib: Wird bei seltenen Mutationen durch kleine, einarmige Phase-2-Studien gestützt und wegen seiner guten Hirngängigkeit häufig bevorzugt.
  • Firmonertinib (2026): Eine Phase-1b-Studie, die gezielt die PACC-Gruppe adressiert und zwei Dosen vergleicht, sowie nun die Phase-3-Studie ALPACCA, in der es mit Afatinib oder Osimertinib verglichen wird. In dieser Indikation ist es bisher in keinem Land zugelassen. Ähnlich wachsen auch beim seltenen HER2-mutierten Lungenkrebs die zielgerichteten Optionen rasch.

Was ist eine EGFR-PACC-Mutation?

PACC bezeichnet eine Gruppe seltener Mutationen, die im EGFR-Protein die Bereiche „P-Loop“ und „αC-Helix“ komprimieren und so die Form des Proteins verändern (englisch: P-loop and αC-helix compressing). Die häufigsten Beispiele sind G719X, S768I und E709X. Sie machen etwa 12% der EGFR-mutierten Lungenkarzinome aus, neigen stark zur Ausbreitung ins Gehirn und sprechen schlechter auf klassische EGFR-Medikamente an.

Vier strukturbasierte EGFR-Gruppen

Gruppe Beispiele Wirkung auf das Protein Im Labor wirksamste Medikamente
Klassisch-ähnlich Exon-19-Deletion, L858R Verändert die Bindungstasche des Medikaments kaum Alle EGFR-Medikamente, besonders die dritte Generation (Osimertinib)
T790M-ähnlich Mutationen mit T790M Veränderung in der Bindungstasche des Medikaments Medikamente der dritten Generation (teilweise)
Exon-20-Insertion Kurze, in Exon 20 eingefügte Sequenzen Verlängert die Schleife nach der αC-Helix Unterschiedlich; spezielle Medikamente wie Amivantamab
PACC G719X, S768I, E709X, G724S Komprimiert P-Loop und αC-Helix Medikamente der zweiten Generation (Afatinib); Firmonertinib in Erprobung

Diese Tabelle ist ein allgemeiner Rahmen, der auf Labordaten und retrospektiven Patientendaten beruht. Bei einem Patienten können mehrere Mutationen gleichzeitig vorliegen; in der FURTHER-Studie trat die PACC-Mutation bei etwa der Hälfte der Patienten zusammen mit einer weiteren EGFR-Mutation auf (Compound-Mutation).

Was hat die FURTHER-Studie gezeigt?

Merkmal Details
Design Internationale, offene Phase-1b-Studie (FURMO-002); 40 Zentren in 10 Ländern. In der PACC-Kohorte wurden die Patienten 1:1 auf zwei Dosen randomisiert.
Patienten 60 Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC und PACC-Mutation ohne vorherige EGFR-Therapie (160 mg: 31, 240 mg: 29); etwa drei Viertel hatten für die fortgeschrittene Erkrankung noch keine Behandlung erhalten
Medikament Firmonertinib, oral, einmal täglich, 160 mg oder 240 mg
Auswertung Ansprechen durch unabhängige zentrale Bewertung; mediane Nachbeobachtung 16,5 Monate
Publikation Le X et al., Cancer Cell, 16. Oktober 2026; finanziert von ArriVent, dem Unternehmen, das das Medikament entwickelt

Bei Patienten ohne Vorbehandlung der fortgeschrittenen Erkrankung war die 240-mg-Dosis deutlich wirksamer: objektive Ansprechrate 68% gegenüber 43%, mediane Ansprechdauer 14,6 Monate und medianes PFS 16,0 gegenüber 11,1 Monaten. Die mittlere maximale Tumorschrumpfung betrug mit 240 mg 55%, mit 160 mg 38%. Deshalb wurde die 240-mg-Dosis für die Phase-3-Studie gewählt. Die Studie war allerdings nicht dafür ausgelegt, die beiden Dosen statistisch zu vergleichen.

Objektive Ansprechraten in der Erstlinie bei seltenen EGFR-Mutationen

Prozent. Farbige Balken: Firmonertinib (FURTHER, PACC); graue Balken: breitere Gruppen seltener Mutationen aus anderen Studien.

Firmonertinib 240 mg (PACC, Phase 1b)
68%
Firmonertinib 160 mg (PACC, Phase 1b)
43%
Afatinib (G719X, L861Q, S768I; gepoolte Analyse)
71,1%
Osimertinib (seltene Mutationen; Phase 2)
50%

Die Afatinib-Daten stammen aus der gepoolten Analyse der Studien LUX-Lung 2, 3 und 6 (38 Patienten), die Osimertinib-Daten aus der Phase-2-Studie KCSG-LU15-09 (36 Patienten); diese Gruppen umfassen auch Mutationen außerhalb der PACC-Gruppe. Vergleiche zwischen verschiedenen Studien sind indirekt; Patientengruppen, Vorbehandlungen und Nachbeobachtungszeiten unterscheiden sich.

Medianes progressionsfreies Überleben bei seltenen EGFR-Mutationen

Monate. Farbige Balken: Firmonertinib (FURTHER, PACC); graue Balken: andere Studien.

Firmonertinib 240 mg (PACC)
16 Mon.
Firmonertinib 160 mg (PACC)
11,1 Mon.
Afatinib (gepoolte Analyse)
10,7 Mon.
Osimertinib (Phase 2)
8,2 Mon.

In der FURTHER-Studie betrug die mediane Ansprechdauer mit 240 mg 14,6 Monate. Daten zum Gesamtüberleben liegen noch nicht vor. Vergleiche zwischen verschiedenen Studien sind indirekt; Patientengruppen, Vorbehandlungen und Nachbeobachtungszeiten unterscheiden sich.

Ansprechen bei Hirnmetastasen

Hirnmetastasen sind beim PACC-mutierten Lungenkrebs häufig und gehören zu den Problemen, die die Lebensqualität am stärksten beeinträchtigen. Firmonertinib kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Von 17 Patienten mit Hirnmetastasen zu Studienbeginn bildeten sich die Hirntumoren bei 8 (47%) zurück, bei 7 (41%) verschwanden sie vollständig (intrakranielles Ansprechen). In dieser Gruppe lag das mediane PFS in der Erstlinie mit 240 mg bei 14,2 Monaten, mit 160 mg bei 8,4 Monaten. Angesichts von Komplikationen wie Hirnödem und Befall der Hirnhäute ist das ein wichtiger Befund. Auch wenn die Zahlen klein sind: Ein Medikament, das den Bedarf an Bestrahlung oder Kortison wegen Hirnmetastasen verringern könnte, ist für diese Patienten bedeutsam.

Tumor-DNA im Blut: ein früher Hinweis auf das Ansprechen

Bei 25 Patienten, bei denen die PACC-Mutation zu Beginn im Blut nachweisbar war und in Woche 6 erneut gemessen werden konnte, verschwand die Mutation in 80% der Fälle vollständig aus dem Blut. Bei diesen Patienten waren Ansprechrate und Ansprechdauer deutlich besser. Die Überwachung zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) könnte künftig genutzt werden, um das Therapieansprechen früh zu beurteilen und die Behandlung bei Bedarf anzupassen; dies ist jedoch noch Gegenstand der Forschung. Die Anwendung der Flüssigbiopsie bei anderen Krebsarten entwickelt sich in eine ähnliche Richtung.

Verschwinden der Tumor-DNA im Blut in Woche 6 sagt das Ansprechen voraus

Prozent, bestätigte objektive Ansprechrate. 25 Patienten mit PACC-Mutation im Blut zu Beginn und Messung in Woche 6.

In Woche 6 vollständig aus dem Blut verschwunden (80%)
70%
In Woche 6 weiterhin im Blut nachweisbar (20%)
20%

Medianes progressionsfreies Überleben ab Woche 6: 15,1 Monate bei verschwundener, 3,0 Monate bei weiter nachweisbarer Mutation. Kleine Fallzahlen; explorativer Befund.

Nebenwirkungen

Nebenwirkung in der PACC-Kohorte 160 mg 240 mg
Therapiebedingte Nebenwirkungen jeden Grades 90% 97%
Therapiebedingte Nebenwirkungen Grad 3 oder höher 26% 21%
Durchfall (jeder Grad / Grad 3 oder höher) 42% / 6% 72% / 10%
Erhöhte Leberenzyme 29% 52%
Dosisreduktion 19% 24%
Therapieabbruch wegen Nebenwirkungen 3% 0%

Die häufigsten Nebenwirkungen waren Durchfall, erhöhte Leberenzyme, Hautausschlag, Mundschleimhautentzündung und trockene Haut. Diese Nebenwirkungen entsprachen dem bei EGFR-Medikamenten erwarteten Profil; die meisten waren leicht und ließen sich durch Dosisanpassung beherrschen. In der PACC-Kohorte trat keine Lungenentzündung durch das Medikament (Pneumonitis) auf. Da Durchfall unter 240 mg häufig ist, ist es wichtig, zu Therapiebeginn ein Mittel gegen Durchfall griffbereit zu haben und auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten.

Dasselbe Medikament, eine andere Mutation: die FURVENT-Warnung

Auch bei Patienten mit EGFR-Exon-20-Insertion hatte Firmonertinib in Phase-1b-Studien vielversprechende Ergebnisse gezeigt. In der Phase-3-Studie FURVENT mit 398 Patienten, in der es in dieser Gruppe mit Chemotherapie verglichen wurde, verlängerte sich jedoch laut den im Oktober 2026 bekanntgegebenen Ergebnissen der primäre Endpunkt, das unabhängig bewertete PFS, nicht signifikant (mit 240 mg 11,0 gegenüber 9,5 Monaten; HR 0,75, p=0,065). Dies erinnert daran, dass eindrucksvolle Ansprechraten aus frühen Studienphasen in Phase 3 nicht immer zu einem klaren Nutzen führen. Auch das Ergebnis in der PACC-Gruppe muss durch die ALPACCA-Studie bestätigt werden. Das Beispiel zeigt zudem gut, warum der Zulassungsprozess eines Medikaments so lang und mehrstufig ist.

Wie wird die Therapie bei EGFR-mutiertem Lungenkrebs heute gewählt?

Abbildung 1 · Erstlinientherapie bei fortgeschrittenem EGFR-mutiertem Lungenkrebs nach Mutationstyp

Vereinfacht; Stand Oktober 2026. Die vier Kästen stehen für getrennte Mutationsgruppen, nicht für aufeinanderfolgende Therapielinien.

fortgeschrittenes nichtkleinzelliges LungenkarzinomEGFR-Mutationstyp per umfassendem NGS bestimmen klassische MutationExon-19-Deletion,L858R: Osimertinib(± Chemotherapie) oderAmivantamab +Lazertinib Exon-20-InsertionAmivantamab +Chemotherapie PACC-MutationG719X, S768I, E709X…heute: Afatiniboder Osimertinib PACC: in ErprobungFirmonertinib 240 mg,nur in klinischenStudien (ALPACCA)
Lesehilfe: Zuerst wird mit einem umfassenden NGS-Test der Typ der EGFR-Mutation bestimmt (oberer Kasten). Für klassische Mutationen und Exon-20-Insertionen gibt es unterschiedliche zugelassene Optionen. Bei PACC-Mutationen werden heute Afatinib oder Osimertinib eingesetzt (grüner Kasten). Firmonertinib steht in dieser Gruppe bisher nur im Rahmen klinischer Studien zur Verfügung (gestrichelter Kasten). Die Therapiewahl wird je nach Hirnmetastasen, begleitenden Mutationen und Allgemeinzustand individuell getroffen.

Wie sind die Ergebnisse einzuordnen?

Stärken

  • Eine der ersten großen prospektiven Studien, die auf der strukturbasierten Einteilung beruht und eigens für die PACC-Gruppe konzipiert wurde.
  • Zwei Dosen wurden randomisiert, das Ansprechen wurde durch unabhängige zentrale Bewertung gemessen.
  • Hohe und anhaltende Ansprechraten unter 240 mg; relevantes Ansprechen bei Hirnmetastasen.
  • Der enge Zusammenhang zwischen frühem Verschwinden der Tumor-DNA im Blut und Ansprechen ist vielversprechend für eine künftige Personalisierung der Therapie.

Worauf zu achten ist

  • Keine Kontrollgruppe: Phase-1b-Studie; kein direkter Vergleich mit Afatinib oder Osimertinib. Die Vergleiche in den Grafiken sind indirekt und beziehen sich auf unterschiedliche Patientengruppen.
  • Kleine Zahlen: Etwa 30 Patienten pro Dosisgruppe, nur 17 Patienten mit Hirnmetastasen.
  • Keine Daten zum Gesamtüberleben: Ansprechrate und PFS bedeuten nicht automatisch ein längeres Überleben.
  • Industriefinanzierung: Die Studie wurde von dem Unternehmen finanziert, das das Medikament entwickelt.
  • Nebenwirkungslast: Unter 240 mg sind Durchfall und erhöhte Leberenzyme recht häufig.

Praktische Hinweise für Patienten und Ärzte

  • Umfassende Testung ist unerlässlich: Beim fortgeschrittenen nichtkleinzelligen Lungenkarzinom sollte statt Tests, die nur klassische EGFR-Mutationen erfassen, möglichst ein umfassendes NGS-Panel aus Gewebe oder Blut durchgeführt werden. Welcher Strukturgruppe die im Befund genannte Mutation (zum Beispiel G719A, S768I, E709K) zuzuordnen ist, sollte gemeinsam mit dem Onkologen beurteilt werden; bei Bedarf kann eine Zweitmeinung in einem erfahrenen Zentrum eingeholt werden.
  • Heutige Optionen: Bei PACC-Mutationen werden Afatinib und Osimertinib eingesetzt. Bei Hirnmetastasen kommt der Wahl eines gut hirngängigen Medikaments besondere Bedeutung zu. Chemotherapie und weitere Optionen werden je nach Krankheitsverlauf erwogen.
  • Klinische Studie: Firmonertinib ist derzeit nur in klinischen Studien verfügbar. Die ALPACCA-Studie vergleicht Firmonertinib bei etwa 480 Patienten mit Afatinib oder Osimertinib.
  • Auf Symptome achten: Unter EGFR-Medikamenten sind Durchfall, Hautausschlag und Mundschleimhautentzündung häufig; neu auftretende Atemnot oder Husten können dagegen auf eine Lungenentzündung (Pneumonitis) hinweisen und sollten umgehend dem onkologischen Team gemeldet werden.
Die Situation in der Türkei

Firmonertinib ist in der Türkei nicht zugelassen; auch in den USA gibt es keine FDA-Zulassung. In China ist das Medikament für Lungenkrebs mit klassischen EGFR-Mutationen zugelassen, für PACC-Mutationen jedoch in keinem Land. Daher erscheint in der Türkei auch eine Anwendung in dieser Indikation über den Einzelimport nicht zugelassener Arzneimittel (über die Türkische Apothekerkammer, TEB) derzeit nicht realistisch; der beste Weg ist die Teilnahme an einer geeigneten klinischen Studie. Ob die ALPACCA-Studie Zentren in der Türkei hat, konnten wir nicht verlässlich klären. Afatinib und Osimertinib sind in der Türkei zugelassen; die Erstattungsbedingungen bei seltenen Mutationen sollten anhand der aktuellen Bestimmungen der SUT (Erstattungsrichtlinie der SGK) gemeinsam mit dem Onkologen geprüft werden. Weitere Neuigkeiten zum Lungenkrebs finden Sie in unserer Zusammenfassung des WCLC 2026. Den Zugang zu neuen Medikamenten in der Türkei können Sie auf unserer Zugangskarte verfolgen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist eine EGFR-PACC-Mutation?
PACC ist eine Gruppe seltener Mutationen, die im EGFR-Protein die Bereiche P-Loop und αC-Helix komprimieren und so die Form des Proteins verändern. G719X, S768I und E709X sind die häufigsten Beispiele. Sie machen etwa 12% der EGFR-mutierten Lungenkarzinome aus und sprechen schlechter auf klassische EGFR-Medikamente an.
Wie wirksam ist Firmonertinib bei PACC-Mutationen?
In der Phase-1b-Studie FURTHER lag die objektive Ansprechrate unter 240 mg Firmonertinib täglich in der Erstlinie bei 68%, das mediane progressionsfreie Überleben bei 16 Monaten. Bei 17 Patienten mit Hirnmetastasen bildeten sich die Hirntumoren in 47% der Fälle zurück. Es gab jedoch keine Kontrollgruppe, und die Ergebnisse müssen in Phase 3 bestätigt werden.
Ist Firmonertinib in der Türkei erhältlich?
Nein. Firmonertinib ist in der Türkei nicht zugelassen, und auch in den USA gibt es keine FDA-Zulassung. Für Patienten mit PACC-Mutation ist der derzeit beste Zugangsweg die Teilnahme an einer klinischen Studie wie ALPACCA, die das Medikament mit Afatinib oder Osimertinib vergleicht.
Welche Medikamente werden heute bei PACC-Mutationen eingesetzt?
Am häufigsten werden heute Afatinib und Osimertinib eingesetzt. Afatinib ist in den USA für seltene Mutationen wie G719X und S768I zugelassen. Bei Hirnmetastasen können gut hirngängige Medikamente bevorzugt werden. Die Wahl sollte je nach Mutationstyp und Zustand des Patienten gemeinsam mit dem Onkologen getroffen werden.

Glossar

EGFR
Ein Protein auf der Zelloberfläche, das Wachstumssignale weiterleitet; wenn es mutiert ist, kann es zu unkontrolliertem Wachstum von Krebszellen führen.
Tyrosinkinase-Inhibitor (TKI)
Gruppe oral eingenommener, zielgerichteter Medikamente, die die Signalweiterleitung von Proteinen wie EGFR blockieren.
PACC-Mutation
Gruppe seltener Mutationen, die die Bereiche P-Loop und αC-Helix des EGFR komprimieren und die Form des Proteins verändern.
Compound-Mutation (zusammengesetzte Mutation)
Gleichzeitiges Vorliegen mehrerer EGFR-Mutationen im selben Tumor.
Intrakranielles Ansprechen
Verkleinerung oder Verschwinden von Hirnmetastasen unter der Behandlung.
ctDNA
DNA-Fragmente, die aus Tumorzellen ins Blut gelangen und die Mutationen des Tumors tragen (zirkulierende Tumor-DNA).

DROZDOGAN Akademie-Kommentar

FURTHER zeigt, dass die Präzisionsonkologie einen Schritt weitergeht: Künftig kann nicht mehr nur die Frage „Welches Gen, welches Exon?“, sondern auch „Wie verändert die Mutation das Protein?“ die Therapie bestimmen.

⚡ Warum es wichtig ist

Patienten mit seltenen EGFR-Mutationen haben weniger wirksame Optionen als Patienten mit klassischen Mutationen und ein hohes Risiko für Hirnmetastasen. Eine auf der strukturbasierten Einteilung beruhende, eigens für diese Gruppe konzipierte Studie ist für diese Patienten ein wissenschaftlicher wie praktischer Fortschritt.

✅ Stärken

Zwei randomisierte Dosen, unabhängige zentrale Bewertung, hohe und anhaltende Ansprechraten, relevantes Ansprechen bei Hirnmetastasen und ctDNA als früher Marker für das Ansprechen. Die Studie wurde in einer begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht und direkt in eine Phase-3-Studie überführt.

⚠️ Limitationen

Kleine Phase-1b-Studie ohne Kontrollgruppe; keine Daten zum Gesamtüberleben; Industriefinanzierung. Dass dasselbe Medikament in der Phase-3-Studie bei Exon-20-Insertion den primären Endpunkt verfehlt hat, mahnt zur Vorsicht bei Ergebnissen aus frühen Studienphasen. Auch die Ansprechrate von Afatinib in gepoolten Daten liegt nahe an der von Firmonertinib.

🩺 In der Praxis

Bei jedem Patienten mit fortgeschrittenem nichtkleinzelligem Lungenkarzinom sollte eine umfassende molekulare Testung erfolgen, und seltene EGFR-Mutationen sollten mitsamt ihrer Strukturgruppe befundet werden. Bei PACC-Mutationen kann heute eine Behandlung mit Afatinib oder Osimertinib begonnen werden; geeignete Patienten sollten an klinische Studien verwiesen werden. Wie bei allen Therapieentscheidungen beim Lungenkrebs beeinflusst das Vorliegen von Hirnmetastasen die Wahl unmittelbar. Während der Behandlung unterstützen auch Bewegung und Rehabilitation die Lebensqualität.

❓ Offene Fragen

Verlängert Firmonertinib im Vergleich zu Afatinib und Osimertinib tatsächlich das progressionsfreie Überleben und das Gesamtüberleben? Welche PACC-Subtypen und Compound-Mutationen profitieren am meisten? Lässt sich die Therapie anhand des frühen Verschwindens der ctDNA intensivieren oder umstellen?

Fazit: Firmonertinib ist beim PACC-mutierten Lungenkrebs, einschließlich Hirnmetastasen, ein vielversprechender Kandidat. Die Idee einer strukturbasierten Therapiewahl ist überzeugend; bevor sie die heutigen Standards verändern kann, müssen jedoch die Ergebnisse der Phase-3-Studie ALPACCA abgewartet werden.

Transparenzhinweis
  • Dieser Beitrag wurde im Oktober 2026 erstellt.
  • Die Daten der FURTHER-Studie stammen aus der Zusammenfassung der Publikation in Cancer Cell sowie aus Meldungen von MD Anderson und der onkologischen Fachpresse; auf den Volltext des Artikels hatten wir keinen Zugriff. Die Nebenwirkungsraten beziehen sich auf die PACC-Kohorte.
  • Die Daten zu Afatinib und Osimertinib stammen aus anderen und breiteren Gruppen „seltener Mutationen“ und decken sich nicht genau mit der PACC-Gruppe. Die FURVENT-Ergebnisse beruhen auf einer Unternehmensmitteilung und Presseberichten.
  • Die Vergleiche zwischen Medikamenten in den Grafiken sind indirekt. Das Schema wurde aus dem Text abgeleitet und enthält keine neuen Daten. Der Akademie-Kommentar ist unsere eigene Einschätzung.

Quellen

  1. Le X, et al. Firmonertinib in advanced non-small cell lung cancer with epidermal growth factor receptor P-loop and αC-helix compressing mutations. Cancer Cell 2026. doi:10.1016/j.ccell.2026.09.011
  2. MD Anderson Cancer Center. Structurally guided therapy shows promise for patients with specific EGFR-mutated lung cancer in Phase 1b trial (16. Oktober 2026). mdanderson.org
  3. OncoDaily. FURTHER: firmonertinib shows promising activity in EGFR PACC-mutant advanced NSCLC (17. Oktober 2026). oncodaily.com
  4. OncLive. Firmonertinib demonstrates antitumor activity, CNS responses in EGFR PACC–mutated NSCLC. onclive.com
  5. CancerNetwork. Firmonertinib misses PFS end point in first-line EGFR exon 20 NSCLC (FURVENT, 6. Oktober 2026). cancernetwork.com
  6. Robichaux JP, et al. Structure-based classification predicts drug response in EGFR-mutant NSCLC. Nature 2021;597:732–737. doi:10.1038/s41586-021-03898-1
  7. Yang JC, et al. Clinical activity of afatinib in patients with advanced non-small-cell lung cancer harbouring uncommon EGFR mutations: a combined post-hoc analysis of LUX-Lung 2, 3, and 6. Lancet Oncol 2015;16:830–838. PubMed
  8. Cho JH, et al. Osimertinib for patients with non-small-cell lung cancer harboring uncommon EGFR mutations: a multicenter, open-label, phase II trial (KCSG-LU15-09). J Clin Oncol 2020;38:488–495. PubMed
  9. ALPACCA (NCT07185997): Firmonertinib im Vergleich mit Afatinib oder Osimertinib, Phase 3. clinicaltrials.gov
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