Schuldgefühl und Dankbarkeit – Die Geschichte von Avi und seiner Onkologin

Dieser Text erzählt die Geschichte von Dr. Ilana Hellmann aus der Hämatologie und ihrem Patienten Avi.
Ein langer, anstrengender Kliniktag ging zu Ende. Es klopfte an meiner Tür. Meine Assistentin kam herein und sagte, Avi habe angerufen und um einen Termin gebeten. Ihr Gesichtsausdruck ließ mich nichts Gutes ahnen. Ich bat sie, einen Termin in den nächsten Tagen zu vereinbaren. Als ich Avi fünf Jahre zuvor kennenlernte, war er ein 29-jähriger, sehr angespannter, großer und schmächtiger Programmierer. Er hatte gerade die Malerin Talia geheiratet. Sie war klein, fröhlich und gehörte zu den Menschen, die unter allen Umständen positiv bleiben können. Kinder hatten sie noch nicht. Kurz nachdem Avi wegen lang anhaltenden Hustens und Hitzewallungen zu uns gekommen war, wurde bei ihm ein Hodgkin-Lymphom im vierten Stadium (IVB) diagnostiziert. Die Behandlung musste dringend beginnen. Wir stellten einen Therapieplan mit wirksamen Medikamenten zusammen, die jedoch belastende Nebenwirkungen haben: Bleomycin, Etoposid, Doxorubicin, Cyclophosphamid, Vincristin, Procarbazin und Prednison. Diese Kombination konnte neben Haarausfall, Übelkeit, Nebenwirkungen an Lunge und Herz, einer Unterdrückung des Knochenmarks und langfristig Zweitkrebserkrankungen auch Unfruchtbarkeit bei Männern verursachen. Nachdem Avi und Talia davon erfahren hatten, entschieden sie sich für eine Samengewinnung bei Avi. Die Ergebnisse zeigten jedoch, dass keine Spermien in einer Qualität vorhanden waren, die sich für eine spätere Verwendung eignete.
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Avis Behandlung war ein langer und schwieriger Weg. Obwohl die Nebenwirkungen mäßig und nicht lebensbedrohlich waren, ging es Avi, der seine Arbeit aufgegeben hatte, sehr schlecht. Er sagte, er fühle sich müde, als wäre er einen langen Marathon gelaufen. Dies führte zu Spannungen zwischen ihm und Talia. Talia war es leid, ständig Alvis düstere Stimmung aufhellen zu müssen, während Avi ihre beharrliche Zuversicht kaum noch ertragen konnte. Talia erinnerte sich an ein Gespräch gegen Ende seiner Behandlung: „Während ich ihm freudig sagte, dass wir uns dem Ende näherten, erzählte er mir, wie sehr er sich seit Beginn der Behandlung gealtert fühlte. Ich wusste irgendwann nicht mehr, was ich sagen sollte".
Nach Abschluss der Chemotherapie ging Avi in die Nachsorge über. Talia und ich hofften, dass es ihm nun deutlich besser gehen würde. Monate vergingen, Avi gewann körperlich wieder an Kraft und nahm seine Arbeit wieder auf. Jahre später trat ein, was wir befürchtet hatten: Untersuchungen bestätigten seine Unfruchtbarkeit. Als ich ihnen die Ergebnisse mitteilte, waren Talia und Avi am Boden zerstört. Talia wollte Mutterschaft erleben und schlug einen Samenspender vor. Avi sagte dagegen, er könne sich nicht vorstellen, der Vater eines Kindes zu sein, das biologisch nicht sein eigenes war, und schlug stattdessen eine Adoption vor. Beide hatten das Gefühl, zu keinem Verzicht bereit zu sein. Trotz aller professionellen psychologischen Unterstützung sahen sie ihre Beziehung am Ende. Schließlich versäumte Avi Nachsorgetermine oder erschien allein.
Als ich Avi im Wartezimmer sah, waren mehr als zwei Jahre seit unserem letzten Treffen vergangen. Er war mit seiner Mutter gekommen, was meine Vermutung bestärkte, dass er und Talia geschieden waren. Ich nahm an, er wolle mich wegen eines Rückfalls wiedersehen, und konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie er eine solche Situation ohne Talia bewältigen sollte.
Während ich noch in Gedanken versunken war, kam Avi mit einem breiten Lächeln in mein Zimmer und sah ausgesprochen gut aus. Nach einer kurzen körperlichen Untersuchung und einem Vergleich der Befunde schien alles in Ordnung zu sein. Sichtlich erleichtert fragte er nach meinem Alltag, und unser Gespräch wurde persönlicher. Als ich mich nicht länger zurückhalten konnte, holte ich tief Luft und fragte, wie es Talia gehe. Lächelnd zog er sein Telefon heraus, zeigte mir ein Baby auf dem Bildschirm und sagte: „3 Monate alt, sie heißt Lia. Ich finde, du hast ein Recht darauf, das zu wissen“. Als ich Tränen über meine Wangen laufen spürte, fasste ich mich wieder und hörte aufmerksam zu, während Avi Lias Geschichte erzählte. Nach langen Gesprächen hatten er und Talia beschlossen, ihrem Wunsch zu folgen. Avi sagte, seit Lias Geburt habe sich seine Einstellung völlig verändert, und er empfinde sie als sein eigenes Kind. Während ich ihm zuhörte, erlebte ich verschiedene Gefühle gleichzeitig, konnte aber das stärkste davon nicht benennen.
Erst nachdem Avi gegangen war und ich allein zurückblieb, begriff ich, dass dieses starke Gefühl Schuld war: Schuld wegen all dessen, was Avi und Talia durchgemacht hatten. Lange hatte ich dieses Gefühl unterdrückt. Schuld war mir nicht fremd. Am Ende eines Tages konnte ich mich wegen des Todes eines Patienten oder eines Fehlers schuldig fühlen. Avi war jedoch gesund geworden, und ich hatte keinen Fehler gemacht. Dieses Schuldgefühl hatte eine ganz andere Ursache. Bei aller Fähigkeit von uns Ärzten, Menschen zu heilen, blieb die erschreckende Tatsache, dass Patienten mit Nebenwirkungen weiterleben müssen, die ihr Leben verändern oder sie lebenslang begleiten.
Auch wenn ich heute denke, dass meine Reaktion während des Gesprächs mit Avi übertrieben war, glaube ich, dass er wusste, wie wichtig seine schöne Nachricht für mich war. Ob ihm dies bewusst war oder nicht: Bei diesem Gespräch hatte er mich geheilt.
Nach dieser Erfahrung begann ich zu glauben, dass meine Patienten sich nicht nur melden sollten, wenn es ihnen schlecht geht, sondern auch dann, wenn sie sich gut fühlen. Auch ich brauche diese emotionale Stärkung. Die Patienten, mit denen ich diesen Gedanken geteilt habe und die glauben, dass es auch ihnen guttun kann, gute wie schlechte Entwicklungen mitzuteilen, inspirieren mich weiterhin an schwierigen Tagen. Ich danke allen meinen Patienten, die mich wie Avi inspiriert haben und noch inspirieren werden.
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