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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Ein neuer Krebsimpfstoff macht Hoffnung bei fortgeschrittenem Lungenkrebs

Ein neuer Krebsimpfstoff macht Hoffnung bei fortgeschrittenem Lungenkrebs
In diesem Artikel

Versuche, Krebs durch Impfungen zu behandeln, haben eine etwa 130-jährige Geschichte. Die ersten dafür eingesetzten Wirkstoffe waren Bakterien (siehe Coley-Toxine). Beständige, aussagekräftige und vorhersagbare Reaktionen auf therapeutische Krebsimpfstoffe wurden jedoch erst in den 2010er-Jahren erreicht. Außerdem erhielten nur wenige therapeutische Impfstoffe eine FDA-Zulassung, darunter beim Melanom Lmlygic und bei Prostatakrebs Provenge. 

Die bisher erprobten Krebsimpfstoffe verfolgen ein gemeinsames Ziel: das Immunsystem gegen den Krebs zu aktivieren. Krebsimpfstoffe sind damit eine Form der Immuntherapie. Die Ergebnisse einer frühen Studie am Menschen zu einem neu entwickelten Krebsimpfstoff erschienen in der führenden onkologischen Fachzeitschrift Journal of Clinical Oncology am 7. September 2022.

Verwandtes Thema: Immuntherapie und Arten von Krebsimpfstoffen

Die von Adotevi und seinem Team berichtete französische Phase-Ib/IIa-Studie zeigte, dass ein therapeutischer peptidbasierter Krebsimpfstoff (UCPVax) bei vielen Menschen mit therapieresistentem, fortgeschrittenem nichtkleinzelligem Lungenkrebs spezifische CD4+ T-Helfer-1-Antworten auslöste und dass auf den Impfstoff ansprechende Personen von der Behandlung profitierten.

Was ist ein peptidbasierter Krebsimpfstoff?

Wirkmechanismus eines peptidbasierten therapeutischen Krebsimpfstoffs

Ein Krebsimpfstoff soll das Immunsystem aktivieren und darauf vorbereiten, Tumorzellen zu erkennen, anzugreifen und zu zerstören. Bei peptidbasierten Impfansätzen werden synthetische Peptidformen tumorspezifischer Antigene zur Entwicklung des Impfstoffs genutzt. Peptidbasierte Krebsimpfstoffe bestehen meist aus 20-30 Aminosäuren mit spezifischen Epitopen von Antigenen, die als stark immunogen bekannt sind. So soll die gewünschte Immunreaktion ausgelöst werden. Peptidimpfstoffe haben gegenüber anderen Impfstoffarten zahlreiche Vorteile, besonders hinsichtlich Sicherheit und einfacher Herstellung.

Daneben werden inzwischen personalisierte peptidbasierte Krebsimpfstoffe erforscht, die auf tumorspezifischen genetischen Untersuchungen beruhen.

Der Impfstoff UCPVax bei Lungenkrebs

UCPVax ist ein neuer therapeutischer Krebsimpfstoff für eine gegen den Tumor gerichtete CD4+ T-Helfer-1-Zellantwort, der aus zwei gezielt ausgewählten Helferpeptiden besteht und diese Immunantwort gezielt auslösen soll.  

Einzelheiten der Studie

Zwischen April 2016 und Juli 2021 wurden etwa 60 Personen mit fortgeschrittenem nichtkleinzelligem Lungenkrebs in diese multizentrische Studie aufgenommen. Sie waren bereits vorbehandelt und hatten Resistenzen gegen die bisherigen Therapien entwickelt.

Die Behandlung bestand aus Impfstoffdosen von 0,25 mg, 0,5 mg oder 1 mg an den Tagen 1, 8, 15, 29, 36 und 43. Danach wurden über höchstens 12 Monate alle 8 Wochen Auffrischungsdosen verabreicht.

In die Phase-Ib-Studie wurden insgesamt 15 Personen aufgenommen. In Phase IIa wurden 51 auswertbare Personen behandelt; von diesen 51 erhielten 15 eine Dosis von 0,25 mg, 16 eine Dosis von 0,5 mg und 20 eine Dosis von 1 mg. Insgesamt waren 95% zuvor mit drei systemischen Therapielinien behandelt worden. 

Wichtige Ergebnisse

  • In Phase Ib wurden keine dosislimitierenden Nebenwirkungen beobachtet. Die maximal verträgliche Dosis wurde auf 1 mg festgelegt.
  • In Phase IIa lösten die dritte beziehungsweise sechste UCPVax-Dosis bei 56% von 51 beziehungsweise 87,2% von 39 Personen spezifische CD4+ T-Helfer-1-Antworten aus. Zwischen den drei Dosisstufen zeigte sich kein signifikanter Unterschied.
  • Nach der dritten Dosis wurde bei 7 von 15 Personen unter 0,25 mg, bei 9 von 16 unter 0,5 mg und bei 13 von 20 unter 1 mg ein Ansprechen beobachtet. Nach Auffrischungsdosen zeigte sich bei nahezu allen 18 untersuchten Personen eine Reaktion.
  • Bei 21 Personen, davon 20 mit stabiler Erkrankung und 1 mit vollständigem Ansprechen, wurde eine Krankheitskontrolle (39%) beobachtet.
  • Bei allen 51 Personen betrug das Gesamtüberleben nach 1 Jahr 34,1% (95%-Konfidenzintervall [KI] = 23,1–50,4%), und das mediane Gesamtüberleben lag bei 9,7 Monaten (95%-KI = 6,7–12,6 Monate). Zwischen den Dosisstufen bestand kein signifikanter Unterschied.
  • Bei Personen mit beziehungsweise ohne Immunantwort nach drei Dosen betrug das progressionsfreie Überleben nach 1 Jahr 17,2% (95%-KI = 7,8%-38,3%) beziehungsweise 4,5% (95%-KI = 0,7%–30,8%, P = 0,015). Das mediane Gesamtüberleben betrug 11,6 Monate (95%-KI = 9,7–16,7 Monate) beziehungsweise 5,6 Monate (95%-KI = 2,5–10 Monate, P = 0,005). Nach 1 Jahr lag das Gesamtüberleben bei 47,5% (95%-KI = 32,2%-70,0%) beziehungsweise 18,2% (95%-KI = 7,5%-44,1%).

Die häufigsten behandlungsbedingten Nebenwirkungen waren Reaktionen an der Injektionsstelle vom Grad 1 oder 2 (58,5%), grippeähnliche Symptome (16,1%) und Magen-Darm-Beschwerden (8,5%). Reaktionen an der Injektionsstelle waren bei 0,5 mg und 1 mg häufiger. Bei einer Person unter 0,25 mg traten zerebrale Vaskulitisläsionen vom Grad 5 auf. Das Ereignis wurde als wahrscheinlich behandlungsbedingt und unerwartet eingestuft.

Fazit

In dieser Studie war der Krebsimpfstoff UCPVax stark immunogen, löste also eine ausgeprägte Immunreaktion aus, und war sicher. Er führte bei stark vorbehandelten Menschen mit fortgeschrittenem nichtkleinzelligem Lungenkrebs zu einem über den Erwartungen liegenden Gesamtüberleben nach 1 Jahr. Aufgrund dieser positiven Ergebnisse wollen die Forschenden eine größere Phase-III-Studie beginnen.

Peptidbasierte Krebsimpfstoffe bieten gegenüber anderen personalisierten Zelltherapien aus dem eigenen Tumor Vorteile wie einfachere Herstellung, bessere Zugänglichkeit und geringere Kosten. Ob ihre Kombination mit anderen Immuntherapien wirksamere Ergebnisse erzielt, bleibt eine interessante Frage.

*

HINWEIS: Der Wirkmechanismus von UCPVax ähnelt zwar dem des kubanischen Impfstoffs, unterscheidet sich aber in wesentlichen Punkten. Die durch CimaVax ausgelöste Immunantwort erfolgt über Antikörper und nicht über die wichtigsten Immunzellen wie T-Zellen, NK-Zellen und Makrophagen. Daher bietet sie eine recht kurz anhaltende und schwache Immunantwort. UCPVax wirkt dagegen über CD4+ T-Zellen und könnte dadurch eine stärkere und wirksamere Antitumor-Immunantwort auslösen.

Verwandtes Thema: Was sind die Fakten zum kubanischen Krebsimpfstoff?

Quellen

Olivier Adotévi, Dewi Vernerey, Pascale Jacoulet, Aurélia Meurisse, Caroline Laheurte, Hamadi Almotlak, et al. Safety, Immunogenicity, and 1-Year Efficacy of Universal Cancer Peptide–Based Vaccine in Patients With Refractory Advanced Non–Small-Cell Lung Cancer: A Phase Ib/Phase IIa De-Escalation Study. Journal of Clinical Oncology Online veröffentlicht am 07. September 2022.
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