Wie die Immuntherapie das Überleben bei Kopf-Hals-Krebs beeinflusst: Studie mit 4 Tausend Betroffenen

In diesem Artikel
Kopf-Hals-Krebserkrankungen sind ein ernstes Gesundheitsproblem, das weltweit jedes Jahr bei mehr als 600 Tausend Menschen diagnostiziert wird. Sie machen etwa 4% aller Krebsfälle aus; bei den meisten Betroffenen ist die Erkrankung bei Diagnosestellung bereits fortgeschritten. Dazu gehören Krebsarten der Mundhöhle, des Nasenrachens, des Rachens und des Kehlkopfes. Eine frühe Diagnose ist entscheidend, denn dann kann die 5-Jahres-Überlebensrate bis zu 90% erreichen. Da jedoch bei 60% die Erkrankung bei Diagnosestellung fortgeschritten ist, sinkt diese Rate erheblich. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen Rauchen, Alkoholkonsum, HPV-Infektionen und schlechte Mundhygiene. Männer erkranken dreimal so häufig wie Frauen.
Immuntherapien haben den Verlauf von Kopf-Hals-Krebs verändert
Immuntherapien spielen weiterhin eine bahnbrechende Rolle bei der Behandlung fortgeschrittener Kopf-Hals-Krebserkrankungen. Insbesondere die 2016 von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Pembrolizumab (Keytruda) und Nivolumab (Opdivo) aus der Gruppe der Immuncheckpoint-Inhibitoren wurden zu vielversprechenden Optionen für Menschen, deren Erkrankung nach einer platinbasierten Chemotherapie fortgeschritten war und die an einem metastasierten oder rezidivierten Plattenepithelkarzinom im Kopf-Hals-Bereich erkrankt waren.
Die Behandlungen wurden rasch als Standard in der Zweitlinie anerkannt. Forschende und Onkologen fragten sich daraufhin, ob die Immuntherapie auch als Erstlinienbehandlung bei dieser Patientengruppe wirksam sein könnte. Die zur Beantwortung dieser Frage durchgeführte Studie KEYNOTE-048 zeigte, dass Immuntherapien auch in der Erstlinie eine wirksame Option für diese Menschen sind.
KEYNOTE-048 führte dazu, dass Pembrolizumab allein oder zusammen mit Chemotherapie zur Standard-Erstlinienbehandlung bei rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs wurde.
Diese Studie zur Aktivität der Immuntherapie in der Erstlinie lässt sich mit der im Jahr 2008 im NEJM veröffentlichten und den damaligen Behandlungsstandard bei metastasiertem oder rezidiviertem Kopf-Hals-Krebs definierenden EXTREME-Studie vergleichen. EXTREME zeigte erstmals, dass die Dreifachkombination aus Platin + 5FU + Cetuximab der Zweifachkombination aus Platin + 5FU überlegen war und das mediane Überleben in dieser Patientengruppe von 7 auf etwa 10 Monate verlängerte.
Vergleichen wir nun die Ergebnisse dieser beiden wegweisenden Studien in der Geschichte der Behandlung fortgeschrittener Kopf-Hals-Krebserkrankungen:

Bei fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinomen im Kopf-Hals-Bereich gelten heute als optimale Erstlinienbehandlungen folgende Kombinationen:
- Bei PD-L1-positiven Betroffenen: Pembrolizumab plus Chemotherapie,
- bei PD-L1-negativen Betroffenen: Chemotherapie plus Cetuximab.
Unbeantwortete Fragen
Aufgrund strenger Einschlusskriterien und anderer Faktoren in klinischen Studien stellt sich jedoch die Frage, wie weit sich diese Ergebnisse auf Menschen mit Kopf-Hals-Krebs insgesamt übertragen lassen. Deshalb müssen Wirksamkeit und Ergebnisse der Immuntherapie auch in der klinischen Routine bewertet werden. Kleinere retrospektive Analysen zeigten zwar ähnliche Überlebensdaten wie KEYNOTE-048, doch zur optimalen Anwendung von Immuntherapien bei rezidivierten oder metastasierten Plattenepithelkarzinomen im Kopf-Hals-Bereich bleiben wichtige Fragen offen.
KEYNOTE-048 und andere wegweisende Immuntherapiestudien begrenzten die Behandlungsdauer in dieser Patientengruppe auf höchstens 2 Jahre. Wie lange ansprechende Menschen behandelt werden sollten und ob eine längere oder unbegrenzte Immuntherapie zusätzlichen Nutzen oder Schaden bringt, ist jedoch unbekannt. Auch die Wirksamkeit einer Wiederaufnahme der Immuntherapie nach einer Pause, eines sogenannten Rechallenge, bleibt unklar.
Eine Studie mit 4 Tausend Betroffenen
JAMA Network Open veröffentlichte am 19. August 2024 eine Studie, die den Einfluss der Immuntherapie auf das Überleben bei rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs umfassender untersucht. Die retrospektive Auswertung von Patientenakten aus den USA umfasst 4.549 Menschen, die zwischen 2015-2023 eine Immuntherapie erhielten.
Untersucht wurden
- der Einsatz der Immuntherapie in der Erst- oder Zweitlinie,
- das Absetzen nach 1 oder 2 Jahren sowie
- die Wiederaufnahme der Behandlung.
Die Studienergebnisse
-
Medianes Gesamtüberleben:
- Bei allen mit Immuntherapie Behandelten betrug das mediane Gesamtüberleben 10,9 Monate.
-
Erstlinien- gegenüber Zweitlinienbehandlung:
- Bei Erstlinienbehandlung betrug das mediane Überleben 12,2 Monate,
- bei Zweitlinienbehandlung 8,7 Monate.
-
Überleben nach HPV-Status:
- Bei HPV-positiven Betroffenen betrug das mediane Überleben 16,6 Monate,
- bei HPV-negativen Betroffenen 8,8 Monate.
-
Überleben nach Allgemeinzustand:
- Bei gutem Leistungsstatus nach der Eastern Cooperative Oncology Group (ECOG) mit einem Wert von 0 oder 1 betrug das mediane Überleben 13,5 Monate,
- bei schlechtem Leistungsstatus (≥ 2) hingegen 5,5 Monate.
-
Fortsetzung oder Absetzen der Immuntherapie:
- Bei Menschen, die die Behandlung nach 1 Jahr absetzten, betrug das mediane Überleben 40,7 Monate, bei fortgesetzter Therapie 57,7 Monate.
- Bei einem Absetzen nach 2 Jahren konnten die Überlebensergebnisse noch nicht bestimmt werden.
-
Wiederaufnahme der Behandlung (Rechallenge):
- Bei unmittelbarer Wiederaufnahme der Behandlung nach mindestens 60 Tagen ohne jegliche systemische Therapie betrug das mediane Überleben 15,7 Monate,
- bei verzögerter Wiederaufnahme nach einer zwischenzeitlichen anderen Chemotherapie 9,9 Monate.
-
Gesamtergebnis:
- Das Gesamtüberleben unter Immuntherapie bei Menschen mit rezidiviertem oder metastasiertem Plattenepithelkarzinom im Kopf-Hals-Bereich entsprach in dieser Studie weitgehend den Ergebnissen klinischer Studien.
- Bei langfristig ansprechenden Menschen wurde beobachtet, dass ein Absetzen der Immuntherapie nach 1 oder 2 Jahren das Überleben möglicherweise nicht beeinträchtigt.
- Eine Wiederaufnahme der Behandlung kann manchen Betroffenen klinischen Nutzen bringen.
Kommentar
Diese Studie fällt als größte Beobachtungskohorte mit mehr als 4 Tausend Menschen auf, die wegen rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs eine immuntherapiebasierte Behandlung erhielten. Die Ergebnisse entsprechen weitgehend denen klinischer Studien. In der Erstliniengruppe betrug das mediane Gesamtüberleben beispielsweise 12,2 Monate und lag damit nahe den 12-13 Monaten aus KEYNOTE-048. In der Zweit- und Drittlinie betrug das mediane Gesamtüberleben etwa 9 Monate und lag damit etwas über den 7-8 Monaten aus CM1414 und KN040.
Die Studie zeigt, dass die optimale Dauer einer Immuntherapie bei langfristig ansprechenden Menschen weiterhin unklar ist. In der klinischen Praxis wird die Immuntherapie selten nach 2 Jahren abgesetzt; bei denjenigen, die sie dann beendeten, war keine deutliche Verschlechterung des Überlebens zu beobachten. Das geringe Sterberisiko nach einem Absetzen nach 2 Jahren spricht vielmehr dafür, dass es sich meist um eine ausgewählte Gruppe mit günstigem Krankheitsverlauf handelt. Dieser Befund unterstützt andere Studien, denen zufolge eine unbegrenzte Fortsetzung der Immuntherapie keinen zusätzlichen Überlebensvorteil bringt. Ein Absetzen nach 2 Jahren sollte daher als vernünftige Strategie betrachtet werden, die langfristige Nebenwirkungen und hohe Kosten verringern könnte, ohne das Überleben zu beeinträchtigen.
Untersucht wurde auch der Einfluss einer Wiederaufnahme der Immuntherapie (Rechallenge) auf das Überleben. Nach einer Behandlungspause betrug das mediane Überleben bei Wiederaufnahme 15,7 Monate, nach einer zwischenzeitlichen anderen Chemotherapie 9,9 Monate. Diese Ergebnisse zeigen, dass eine erneute Immuntherapie bestimmten Patientengruppen klinischen Nutzen bringen kann. Da die Gruppe mit unmittelbarer Wiederaufnahme jedoch ausgewählt war, sollten die Überlebensergebnisse der beiden Gruppen nicht direkt verglichen werden.
Insgesamt liefert diese Studie wichtige Erkenntnisse zur optimalen Anwendung der Immuntherapie bei rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs. Sie bietet wertvolle Informationen, die klinische Entscheidungen über Behandlungsdauer und Wiederaufnahme unterstützen können.
*
Quellen
War dieser Artikel hilfreich?
Ihre Rückmeldung hilft uns, unsere Inhalte zu verbessern.





Leserkommentare
Kommentar verfassen
Ihr Name und Ihr Kommentar werden erst nach Freigabe durch die Administration veröffentlicht. Ihre E-Mail-Adresse wird Besuchern niemals angezeigt.
Schreiben Sie den ersten Kommentar.