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Prof. Dr. Mustafa Özdoğan · Facharzt für medizinische Onkologie

Onkologischer Notfall: Rückenmarkskompression und Lähmungsrisiko

Onkologischer Notfall: Rückenmarkskompression und Lähmungsrisiko
In diesem Artikel

Rückenmarkskompression kann im Krebsverlauf unerwartet und plötzlich als Notfall auftreten. Sie betrifft %5 - 10 der Krebspatienten. Dringlich ist sie wegen möglicher starker Schmerzen und/oder dauerhafter Nervenschäden bis zur Querschnittslähmung. Medizinisch heißt sie spinale Kompression beziehungsweise Spinalkanalkompression.

Was verursacht Rückenmarkskompression bei Krebs?

  • Eine direkt drückende Tumormasse 
  • Wachstum eines vorhandenen Tumors im Rückenmark oder in den Hirnhäuten (Meningen) 
  • Einbruchfraktur der umgebenden Wirbelknochen

Am häufigsten, zu %85, wächst eine Metastase in einem Wirbelknochen. Die Kompression kann erstes Malignitätszeichen sein, tritt aber meist im fortgeschrittenen Stadium auf. Am häufigsten ist die Brustwirbelsäule betroffen: %60 Brust-, %10 Hals- und %30 Lenden- beziehungsweise Hüftbereich.

Bei welchen Krebsarten ist dies häufig?

Besonders bei multiplem Myelom, Prostata-, Lungen- und Brustkrebs. Frühe Diagnose und rechtzeitige Behandlung sind entscheidend.

Tumor mit Druck auf Rückenmark beziehungsweise Spinalkord

Welche Symptome gibt es?

Schmerzen sind meist das erste Zeichen. Dazu kommen motorische und sensible Störungen, Blasen- und Darmentleerungsprobleme sowie Ataxie, also gestörte Muskelkoordination einschließlich Gangstörung. Alle diese Zeichen bedeuten einen Notfall und erfordern frühe Diagnose und Therapie.

Neu auftretend oder zunehmend können sein:

  • brennende Schmerzen und Taubheit um Rücken, Oberschenkel, Brustkorb oder Bauch,
  • Schwierigkeiten beim Gehen oder Treppensteigen,
  • Gefühlsverlust oder Taubheit in Bereichen der Arme oder Beine.

Schmerzen können beim Husten oder in bestimmten Positionen zunehmen. Ihre Lage entspricht meist der Kompressionshöhe, manchmal jedoch nicht.

Typische neurologische Befunde sind möglich, können anfangs aber auch ganz fehlen.

Bei Verdacht ist die Untersuchung von Wirbelsäule und Rückenmark durch Magnetresonanztomografie (MRT) die diagnostische Bildgebung.

Cauda-equina-Syndrom – besondere Kompressionsform

Die Nervenwurzelausläufer bilden unten in der Wirbelsäule eine pferdeschweifartige Struktur. Druck auf diese Cauda equina verursacht das Cauda-equina-Syndrom . Es führt zu starken Schmerzen in Lenden, Hüfte, Damm, Oberschenkel oder Bein, eventuell Gefühlsverlust und meist asymmetrischer Beinschwäche. Blasen-, Darm- und Sexualfunktionen können gestört sein, der Analreflex fehlen.

Vorgehen und Behandlung

Fast alle Patienten benötigen unbedingt Kortikosteroide (Kortison). Nach deren erster Gabe kommen je nach Eignung Bestrahlung, Operation und Chemotherapie infrage, teilweise kombiniert.

Schmerzen sprechen zwar innerhalb von Stunden gut auf Kortikosteroide an, dennoch können narkotische Schmerzmittel nötig sein. Bettruhe und flaches Liegen sind erforderlich. Krebs steigert die Gerinnungsneigung; Immobilität erhöht Thrombose- und Embolierisiko weiter. Deshalb sollten auch Gerinnungshemmer gegeben werden. Je nach Kompressionsort kann das autonome Nervensystem gestört sein und die Darmbewegung abnehmen. Da dies von Verstopfung bis zum Ileus (Darmverschluss) reichen kann, sind verstopfungsvorbeugende Behandlungen zu erwägen.

  • Strahlentherapie (RT): Sie wird bei stabiler Wirbelsäule ohne tumorbedingten Bruch und einem für Bestrahlung empfindlichen Tumor bevorzugt. Externe Bestrahlung kann klassisch oder punktgenau als stereotaktische Körperbestrahlung (Stereotactic Body Radiation Therapy, SBRT), auch stereotaktische Radiochirurgie, erfolgen. Forschung und Belege günstigerer Ergebnisse nehmen zu. Umliegendes Gewebe wird weniger belastet. Klassische Bestrahlung wirkt bei strahlenempfindlichen, nicht bei resistenten Tumoren. Für SBRT auch bei resistenten Tumoren wachsen die Belege.
  • Operation: Eine Option bei Wiederkehr im bereits bestrahlten Gebiet, fehlender Besserung trotz Bestrahlung oder plötzlicher Kompression mit Hand- beziehungsweise Fußlähmung. Das drückende Tumorgewebe wird entfernt; bei Wirbelbruch wird zusätzlich operativ stabilisiert.
  • Knochenzementierung: Zur Verstärkung beziehungsweise Fixierung können schnell härtender PMMA-Knochenzement (Polymethylmethacrylat) oder Kleber injiziert werden. Im Wirbelknochen heißt dies Vertebroplastie . Sie stabilisiert und lindert bei den meisten Schmerzen. Besonders bei Wirbelbefall durch multiples Myelom wird sie gewählt.
  • Operation und Bestrahlung gemeinsam: Bei Wirbelbrüchen, geplanter diagnostischer Gewebebiopsie oder rasch fortschreitenden Beschwerden.
  • Chemotherapie: Bei empfindlichen Tumoren ohne sofortigen Interventionsbedarf eine seltener gewählte Option.
  • Kortikosteroidtherapie: Im Endstadium mit geringer Lebenserwartung kann sie die einzige Behandlung sein.

Eine einzelne Bestrahlungssitzung kann genügen

Bei ASCO 2017 wurde die bemerkenswerte SCORAD-III- Studie vorgestellt. Sie umfasste 688 Patienten im Stadium 4: %44 Prostata-, %18 Lungen-, %11 Brust- und %11 Magen-Darm-Krebs. Niemand war zuvor wegen Rückenmarks- oder Cauda-equina-Kompression behandelt worden. Von 3 Patienten konnten anfangs 2 selbstständig oder unterstützt gehen. Nach Zufallszuteilung erhielt eine Gruppe einmal 8 Gy, die andere insgesamt 20 Gy über 5 Tage in 5 Dosen.

Eine einzelne Sitzung mit 8 Gy war hinsichtlich kompressionsbedingter Beschwerden ebenso wirksam wie 5 Sitzungen.

Fazit

Rückenmarkskompression ist ein meist durch fortgeschrittene metastatische Tumoren verursachter Notfall. Häufig wird Bestrahlung gewählt; eine einzelne Dosis (SBRT) ist heute die zuerst erwogene Methode. Frühe Erkennung ist für wirksame Therapie und Vermeidung unerwünschter Folgen wie Lähmung wichtig.

Quellen

1. Hoskin P, Misra V, Hopkins K, et al.
SCORAD III: Randomised non-inferiority phase III trial of single dose radiotherapy compared to multifraction radiotherapy in patients with metastatic spinal canal compression.
2017 ASCO Annual Meeting. Abstract LBA10004. Presented June 2, 2017.

2. Loblaw, D. A., Mitera, G., Ford, M. and Laperriere, N. J.
A 2011 updated systematic review and clinical practice guideline for the management of malignant extradural spinal cord compression.
International Journal of Radiation Oncology, Biology, Physics 2012
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Drozdogan-Assistent

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