Wir empfehlen bei gesunden Menschen keine Liquid Biopsy zur Krebsfrüherkennung! Warum?

In diesem Artikel
Mit den Fortschritten der Genetik hat sich die Identifizierung von Krebsgenen und deren Analyse beschleunigt. Zu diesem Zweck wird weiter daran geforscht, mithilfe von Liquid Biopsies (Flüssigbiopsien) im Blut zirkulierende Tumor- DNA nachzuweisen, diese DNA-Fragmente zu analysieren und die Ergebnisse für die Planung einer Krebsbehandlung zu nutzen. Beantworten wir gemeinsam die Fragen zum Einsatz von Flüssigbiopsien (Liquid Biopsy) in der Krebsbehandlung.
Was ist eine Liquid Biopsy?
Flüssigbiopsien gehören zu den nichtinvasiven, also nicht interventionellen beziehungsweise nicht chirurgischen Verfahren zur Krebsanalyse. Bei einer Flüssigbiopsie wird dem Patienten Blut abgenommen; anschließend werden zirkulierende Tumorzellen, Zellfragmente und deren DNA im Blut analysiert. Das Ziel von Flüssigbiopsien besteht darin, bestimmte genetische Materialien, insbesondere DNA, nachzuweisen, die Krebszellen in das Blut abgeben.
Gibt es eine FDA-Zulassung für Liquid-Biopsy-Tests?
Am 1. Juni 2016 hat die FDA zur gemeinsamen Anwendung mit einem EGFR-Mutationstest den ersten Flüssigbiopsietest zugelassen. Dieser Test wird bei Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs eingesetzt, um festzustellen, ob sie für die gegen EGFR gerichteten Arzneimittel Erlotinib und Osimertinib infrage kommen. Beachten wir: Die FDA-Zulassung der Flüssigbiopsie dient nicht der Krebsdiagnose, sondern dazu, bei einem bereits an Krebs erkrankten Patienten den Krebsuntertyp und die mögliche Wirksamkeit eines gezielten intelligenten Arzneimittels zu bestimmen! Der Test wurde entwickelt, um bestimmte Veränderungen in Exon 19 oder Exon 21 des EGFR-Gens, nämlich Mutationen, nachzuweisen. Diese Mutationen treten bei 10 bis 20 Prozent der Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs auf.
Können Liquid-Biopsy-Tests zur Krebsfrüherkennung eingesetzt werden?
Für den Einsatz von Flüssigbiopsien zur Krebsfrüherkennung besteht weder eine Zulassung der FDA noch einer anderen internationalen medizinischen Aufsichtsbehörde: Es gibt keine solche Zulassung! Nach den zuletzt veröffentlichten Studien ist der Einsatz von Flüssigbiopsien zur frühen Krebsdiagnose mit der heutigen Technologie nicht möglich!
Welche Faktoren verhindern den Einsatz von Flüssigbiopsien zur Krebsfrüherkennung?
- In Studien zum Einsatz von Flüssigbiopsietests zur Krebsfrüherkennung wurde eine hohe Rate falscher Ergebnisse festgestellt. Bei Personen, bei denen zirkulierende Tumor-DNA im Blut nachgewiesen wurde, wurde keine Krebsentwicklung beobachtet.
- Flüssigbiopsietests können Tumoren in einem frühen Stadium erkennen, die dem Patienten keinerlei Schaden zufügen würden. Dadurch kann der Patient unnötig oder über das erforderliche Maß hinaus behandelt werden. Benötigt werden empfindlichere Flüssigbiopsietests mit gesicherter Genauigkeit.
- Flüssigbiopsien sollen bei Krebs identifizierte Biomarker nachweisen. Für die meisten Krebsarten gibt es jedoch keine ausreichend gut definierten Biomarker . Dies erschwert den Einsatz von Flüssigbiopsien zur Früherkennung unterschiedlicher Krebsarten.
- DNA-Schäden können sich zwischen Patienten mit derselben Krebsart unterscheiden. Darüber hinaus bestehen bei demselben Patienten je nach Krankheitsstadium unterschiedliche DNA-Schäden. Daher müssen für jede Krebsart und jedes Stadium unterschiedliche Flüssigbiopsietests entwickelt werden.
- Die im Blut zirkulierenden Tumor-DNA-Fragmente spiegeln nicht die gesamte DNA-Struktur des Tumorgewebes wider. Tumorgewebe besitzt eine sehr heterogene, also gemischte Struktur. Anders gesagt unterscheiden sich die DNA-Schäden zwischen den Krebszellen innerhalb desselben Tumorgewebes. Dies erschwert den Einsatz von Flüssigbiopsietests für die klinische Beurteilung.
- Es gibt keine Studie, die zeigt, dass Flüssigbiopsien zu einer Verlängerung der Lebenszeit von Patienten beitragen. Deshalb sind prospektive, also vorausschauende Studien erforderlich, die ihre Wirksamkeit im klinischen Einsatz untersuchen.
- Bei den in zirkulierenden Tumor-DNA-Fragmenten nachgewiesenen Mutationen lässt sich nicht erkennen, ob es sich um Passagiermutationen oder Treibermutationen handelt. Dies verhindert eine wirksame klinische Beurteilung.
- DNA-Schäden unterscheiden sich zwischen Patienten mit derselben Krebsart. Zugleich können sie je nach Krebsart und Stadium variieren. Dies ist einer der wichtigen Faktoren, die die Krebsdiagnose mittels Flüssigbiopsie erschweren.
Liquid Biopsy – ist Krebsfrüherkennung durch die Untersuchung von Tumor-DNA im Blut eine große Täuschung?
Der wichtigste Faktor für den Erfolg einer Krebsbehandlung ist zweifellos die Krebsfrüherkennung. Trotz erheblicher Fortschritte bei bildgebenden Verfahren in den letzten Jahren gelingt bei zahlreichen Krebsarten weiterhin keine ausreichend frühe Diagnose, um den Behandlungserfolg deutlich genug zu steigern. Krebs durch einen einfachen Bluttest bei gesunden Menschen frühzeitig zu erkennen, ist eines der wichtigsten Ziele und Bestrebungen der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft. Insbesondere bei Menschen mit einer Krebsdiagnose im fortgeschrittenen Stadium haben bestimmte Tests an im Blut zirkulierenden Tumorzellen oder Tumorfragmenten unseren klinischen Alltag erleichtert. Einige dieser Tests helfen uns sowohl bei der Einschätzung des Krankheitsverlaufs als auch bei der Wahl der Behandlung.
Bei Menschen, bei denen Krebs diagnostiziert und behandelt wurde, kann bei Nachuntersuchungen eine Flüssigbiopsie zur Erkennung eines Krebsrezidivs (Rückfalls) sinnvoll sein. Auch auf diesem Gebiet sind umfassende Studien erforderlich, um die Routinepraxis zu ändern. Aus den oben erläuterten Gründen gilt jedoch: Bei gesunden Menschen, bei denen noch nie Krebs diagnostiziert wurde, ist der Versuch, mittels Flüssigbiopsie Krebs frühzeitig zu erkennen, bislang nicht mehr als ein Wunschtraum. Wir halten es nicht für richtig, dies als bereits verwirklicht darzustellen und dadurch eine Bevölkerung irrezuführen, die Angst vor Krebs hat.
Zusammenfassend können Flüssigbiopsien eine wichtige Rolle bei der Planung einer Krebsbehandlung und der Überwachung des Krankheitsverlaufs spielen. Ihr Einsatz zur „Früherkennung“ von Krebs ist derzeit jedoch nicht möglich.
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- Was ist eine Gewebebiopsie, welche Arten gibt es, bei wem und wie wird sie durchgeführt?
Quellen
Circulating Tumor DNA Analysis in Patients With Cancer: American Society of Clinical Oncology and College of American Pathologists Joint Review.
Journal of Clinical Oncology - published online before print March 5, 2018
2. Perakis, Samantha Speicher, Michael R.
Emerging concepts in liquid biopsies.
BMC Medicine, 2017
3. Heitzer Ellen et al.
The potential of liquid biopsies for the early detection of cancer.
Precision Oncology, 2017.
4. Liquid Biopsy: Using DNA in Blood to Detect, Track, and Treat Cancer
cancer.gov – ABD Ulusal Kanser Enstitüsü
5. M.J. Friedrich.
Going With the Flow: The Promise and Challenge of Liquid Biopsies.
JAMA, 2017
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