Petosemtamab: Ein starkes Überlebenssignal durch eine Kombinationstherapie ohne Chemotherapie bei Kopf-Hals-Krebs

In diesem Artikel
Eine neue Ära ohne Chemotherapie in der Erstlinie? Was die Ergebnisse von LiGeR-HN1 aussagen
Erstmals hat bei rezidiviertem oder gestreutem (metastasiertem) Kopf-Hals-Krebs eine chemotherapiefreie Zweierkombination in einer randomisierten Phase-3-Studie das Leben verlängert. In der Studie LiGeR-HN1, deren Ergebnisse Genmab am 28. Oktober 2026 bekannt gab, senkte Petosemtamab + Pembrolizumab bei PD-L1-positiven Patienten das Risiko, Lebenszeit zu verlieren, im Vergleich zu Pembrolizumab allein relativ um die Hälfte (Hazard Ratio 0,50; 95 % KI 0,37–0,67). Petosemtamab ist ein bispezifischer Antikörper, der gleichzeitig gegen EGFR und LGR5 gerichtet ist. Das Ergebnis ist bedeutsam, stammt aber bislang aus der ersten Zwischenanalyse und aus einer Unternehmensmitteilung; medianes Überleben, Ansprechraten und Einzelheiten zu den Nebenwirkungen wurden nicht veröffentlicht, und das Medikament ist in keinem Land zugelassen. Zu diesem Thema haben wir bereits über die beste Erstlinienbehandlung bei rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs, einen neuen chemotherapiefreien Ansatz bei PD-L1-negativen Patienten und den Einfluss der Immuntherapie auf die Lebenszeit berichtet.
- Was wurde gefunden? In der Phase-3-Studie LiGeR-HN1 verlängerte Petosemtamab + Pembrolizumab in der Erstlinienbehandlung von PD-L1-positivem (CPS ≥1) rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs das Gesamtüberleben im Vergleich zu Pembrolizumab allein signifikant (Hazard Ratio 0,50) und erhöhte die Ansprechrate (Odds Ratio 3,17). Der Nutzen war unabhängig vom HPV-Status.
- Was bedeuten 50 %? Dass das Risiko, Lebenszeit zu verlieren, zu jedem beliebigen Zeitpunkt relativ halbiert ist – nicht, dass „50 von 100 Patienten gerettet wurden“. Der absolute Gewinn wird erst feststehen, wenn medianes Überleben und Jahresraten veröffentlicht sind.
- Warum Vorsicht geboten ist: Das Ergebnis stammt aus der ersten Zwischenanalyse und aus einer Unternehmensmitteilung; einen begutachteten Fachartikel gibt es nicht. Die Studie ist offen (open-label), und der Vergleichsarm bestand nur aus Pembrolizumab; ein direkter Vergleich mit chemotherapiehaltigen Standardschemata fand nicht statt.
- Für Patienten heute: Petosemtamab ist nicht zugelassen; Zugang besteht nur über klinische Studien. Der aktuelle Standard (Pembrolizumab allein oder mit Chemotherapie) bleibt gültig.
Warum ist dieses Thema wichtig?
Kopf-Hals-Krebs tritt weltweit jedes Jahr bei etwa 900.000 Menschen auf, und bei einem erheblichen Teil der Betroffenen kehrt die Erkrankung nach der ersten Behandlung zurück oder breitet sich aus. In diesem Stadium ist das Ziel meist nicht die dauerhafte Heilung, sondern die Verlängerung der Lebenszeit und die Kontrolle von Beschwerden wie Schluck- und Sprechstörungen oder Schmerzen, die die Lebensqualität unmittelbar beeinträchtigen. Seit 2019 ist Pembrolizumab bei PD-L1-positiven Patienten die Standard-Erstlinienbehandlung, allein oder zusammen mit Platin- und 5-FU-Chemotherapie. Unter Pembrolizumab allein verkleinert sich der Tumor jedoch nur bei etwa jedem fünften Patienten; eine zusätzliche Chemotherapie verbessert das Ansprechen, verstärkt aber auch die Nebenwirkungen (Immuntherapie und Strahlentherapie bei Kopf-Hals-Krebs).
Bedeutsam ist LiGeR-HN1, weil die Studie ohne Chemotherapie – allein durch die Kombination einer Immuntherapie mit einem Antikörper gegen das Wachstumssignal des Tumors – einen großen relativen Unterschied im Überleben zeigt. Bestätigt sich das Ergebnis mit den vollständigen Daten, könnte sich die Erstlinienbehandlung für viele Patienten ändern, auch für ältere Menschen oder für Patienten, die eine Chemotherapie nicht vertragen würden. Deshalb ist es wichtig, das Ergebnis richtig zu verstehen und es zugleich nicht zu überschätzen.
Was ist Petosemtamab, und was hat LiGeR-HN1 gezeigt?
Petosemtamab ist ein bispezifischer Antikörper, der als Infusion in die Vene gegeben wird und gleichzeitig an die Rezeptoren EGFR und LGR5 auf der Tumorzelle bindet. In der Phase-3-Studie LiGeR-HN1 senkte er in der Erstlinienbehandlung von PD-L1-positivem rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs zusammen mit Pembrolizumab das Risiko, Lebenszeit zu verlieren, im Vergleich zu Pembrolizumab allein relativ um 50 % und verbesserte das Tumoransprechen. Das Medikament ist noch nicht zugelassen.
Kopf-Hals-Krebs: eine kurze Auffrischung
Kopf-Hals-Tumoren gehen von der Mundhöhle, dem Rachen (Nasopharynx, Oropharynx, Hypopharynx) und dem Kehlkopf aus; die große Mehrheit sind Plattenepithelkarzinome. Die wichtigsten Ursachen sind Tabak- und Alkoholkonsum sowie, vor allem bei Krebs der Gaumenmandeln und des Zungengrunds, eine HPV-Infektion; die HPV-Impfung kann einen erheblichen Teil dieser Tumoren verhindern (20 Jahre HPV-Impfung, HPV bei Kopf-Hals-Krebs). Das Nasopharynxkarzinom wird wegen seiner anderen Biologie und Behandlung als eigenständige Erkrankung betrachtet (Nasopharynxkarzinom). Zu Symptomen und Früherkennung lesen Sie gern unseren Beitrag über die Symptome von Kopf-Hals-Krebs.
Abbildung 1 · Wo Kopf-Hals-Tumoren entstehen
Seitlicher Schnitt: Nase, Mund, Rachen und Kehlkopf
Wie wirkt Petosemtamab?
Bei der großen Mehrheit der Plattenepithelkarzinome im Kopf-Hals-Bereich ist EGFR (epidermaler Wachstumsfaktorrezeptor) in großer Menge vorhanden und übermittelt dem Tumor das Signal „wachsen, teilen“. Cetuximab war der erste Antikörper gegen diesen Rezeptor. LGR5 wiederum ist ein Rezeptor auf den sich selbst erneuernden, stammzellähnlichen Zellen des Tumors. Petosemtamab ist ein bispezifischer Antikörper, der gleichzeitig an beide Rezeptoren bindet; Amivantamab, das beim Lungenkrebs EGFR und MET zugleich angreift, ist ein bereits zugelassenes Beispiel dieser Klasse. Laboruntersuchungen zufolge wirkt Petosemtamab auf drei Wegen:
- Es verhindert, dass Wachstumsfaktoren an EGFR binden, und unterbricht so das Wachstumssignal.
- In Zellen, die LGR5 tragen, sorgt es dafür, dass EGFR in die Zelle aufgenommen und abgebaut wird; dadurch nimmt die Zahl der Rezeptoren ab.
- Der Stiel des Antikörpers (Fc-Teil) lenkt Immunzellen wie NK-Zellen zur Tumorzelle (antikörperabhängige zellvermittelte Zytotoxizität, ADCC).
Abbildung 2 · Wie wirkt Petosemtamab auf die Tumorzelle?
EGFR-Blockade, Abbau von EGFR und Anlocken von Immunzellen
Pembrolizumab wirkt auf einem völlig anderen Weg: Es löst die PD-1/PD-L1-„Bremse“, mit der der Tumor die T-Zellen stoppt (Was ist Pembrolizumab?). Der Grundgedanke der Kombination: das Wachstumssignal des Tumors unterbrechen und zugleich das Immunsystem aktivieren – und das ohne die Nebenwirkungen einer Chemotherapie.
Abbildung 3 · Zwei Medikamente, zwei getrennte Wege
Lösen der Immunbremse und Unterbrechen des Tumorsignals
Die Studie LiGeR-HN1: Design und erste Ergebnisse
LiGeR-HN1 (NCT06525220) ist eine weltweite, multizentrische, offene (open-label), randomisierte Phase-3-Studie. Erwachsene mit rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs, der durch Operation oder Bestrahlung nicht heilbar ist, die in diesem Stadium noch keine medikamentöse Behandlung erhalten hatten, deren PD-L1 Combined Positive Score (CPS) mindestens 1 betrug und die sich in gutem Allgemeinzustand befanden, wurden im Verhältnis 1:1 auf zwei Gruppen verteilt: Petosemtamab + Pembrolizumab oder Pembrolizumab allein. Die Studie hatte zwei primäre Endpunkte: das Gesamtüberleben und die Tumoransprechrate in unabhängiger zentraler Bewertung.
Abbildung 4 · Das Design der Studie LiGeR-HN1
Wer nahm teil, wie wurde verglichen, was wurde gefunden?
| Merkmal | LiGeR-HN1 |
|---|---|
| Phase und Design | Phase 3, randomisiert (1:1), offen (open-label), multizentrisch |
| Patienten | Rezidivierter oder metastasierter Plattenepithelkrebs im Kopf-Hals-Bereich, Erstlinie, PD-L1 CPS ≥1, ECOG 0–1 |
| Behandlungen | Petosemtamab + Pembrolizumab gegenüber Pembrolizumab allein |
| Primäre Endpunkte | Gesamtüberleben und Ansprechrate (unabhängige zentrale Bewertung) |
| Gesamtüberleben | Hazard Ratio 0,50 (95 % KI 0,37–0,67; p <0,0001) |
| Ansprechrate | Odds Ratio 3,17 (95 % KI 2,06–4,89; p <0,0001) |
| Untergruppen | Nutzen bei Überleben und Ansprechen unabhängig vom HPV-Status |
| Sicherheit | Akzeptabel; im Einklang mit dem bekannten Profil beider Medikamente, keine unerwarteten Signale |
| Nicht veröffentlicht | Patientenzahl, medianes Überleben, Ansprechraten in Prozent, progressionsfreies Überleben, Nebenwirkungsraten |
Quelle: Mitteilung von Genmab (28. Oktober 2026) und Bericht von OncLive. Die vollständigen Ergebnisse sollen auf einem medizinischen Kongress vorgestellt werden.
Was bedeutet eine Hazard Ratio von 0,50 – und was nicht?
Die Hazard Ratio gibt an, wie sich das Risiko, Lebenszeit zu verlieren, zu jedem beliebigen Zeitpunkt zwischen zwei Gruppen verhält. Ein Wert von 0,50 zeigt, dass dieses Risiko bei Patienten unter Petosemtamab + Pembrolizumab über die Beobachtungszeit im Durchschnitt halb so hoch war wie unter Pembrolizumab allein. Das 95-%-Konfidenzintervall von 0,37–0,67 bedeutet, dass der wahre Effekt sehr wahrscheinlich einer relativen Senkung zwischen 33 % und 63 % entspricht; da das Intervall die 1 nicht einschließt, lässt sich der Unterschied nicht durch Zufall erklären.
Doch „50 % Senkung“ heißt nicht „50 von 100 Patienten wurden gerettet“ und auch nicht „die Lebenszeit hat sich verdoppelt“. Der absolute Unterschied hängt davon ab, wie lange die Kontrollgruppe lebt und ob der Effekt über die Zeit gleich bleibt. Das folgende Beispiel zeigt, welches Bild entstehen könnte, wenn man für die Kontrollgruppe Raten nahe den Ergebnissen von Pembrolizumab allein in KEYNOTE-048 annimmt und die Hazard Ratio konstant bei 0,50 bleibt. Dies sind keine Ergebnisse von LiGeR-HN1.
Abbildung 5 · Hazard Ratio 0,50: zwei hypothetische Überlebenskurven
Annahme: Median 12 Monate mit einem Medikament; berechnete Kurve für die Kombination
Was kann eine Hazard Ratio von 0,50 verändern? Hypothetisches Beispiel
Anteil der lebenden Patienten, in %. Die Raten der Kontrollgruppe wurden nahe den Werten für Pembrolizumab allein in KEYNOTE-048 angenommen; die Raten der Kombination wurden unter der Annahme einer konstanten Hazard Ratio von 0,50 berechnet.
Diese Grafik zeigt kein Ergebnis von LiGeR-HN1, sondern ein Beispiel dafür, wie sich eine Hazard Ratio in einen absoluten Unterschied übersetzen kann. Das tatsächliche mediane Überleben und die Jahresraten werden feststehen, wenn die vollständigen Ergebnisse veröffentlicht sind. Eine Hazard Ratio von 0,50 bedeutet nicht „50 von 100 Patienten wurden gerettet“.
Was hatten die Phase-2-Daten gezeigt?
Vor dem Phase-3-Ergebnis waren auf dem ASCO 2025 Zwischendaten einer einarmigen Phase-2-Studie mit 45 Patienten vorgestellt worden, die Petosemtamab + Pembrolizumab in der Erstlinie erhielten. In dieser Studie verkleinerte sich der Tumor bei 27 von 43 Patienten (63 %); bei 6 Patienten verschwand er vollständig. Das mediane progressionsfreie Überleben lag bei 9 Monaten, das 1-Jahres-Überleben bei 79 %. Zum Vergleich: In KEYNOTE-048 lag die Ansprechrate bei Patienten mit CPS ≥1 unter Pembrolizumab allein bei etwa 19 %, unter Pembrolizumab + Chemotherapie bei etwa 36 %; solche Raten aus verschiedenen Studien lassen sich jedoch nicht direkt vergleichen.
Phase 2: Petosemtamab + Pembrolizumab in der Erstlinie
PD-L1-positiver, rezidivierter oder metastasierter Kopf-Hals-Krebs; 45 Patienten (43 für die Wirksamkeit auswertbar). Zwischendaten vom ASCO 2025.
Einarmige Studie ohne Vergleichsgruppe. Das Ansprechen beruht auf der Bewertung durch die Prüfärzte. Medianes progressionsfreies Überleben 9 Monate; mediane Ansprechdauer und medianes Überleben ließen sich noch nicht berechnen. Infusionsreaktionen traten meist bei der ersten Gabe auf und bildeten sich zurück.
| Studie | Patienten | Wichtigste Ergebnisse |
|---|---|---|
| Phase 2 · Erstlinie · mit Pembrolizumab (ASCO 2025) | 45 Patienten (43 für die Wirksamkeit auswertbar), PD-L1-positiv | Ansprechen 63 %, komplettes Ansprechen bei 6 Patienten, medianes progressionsfreies Überleben 9 Monate, 1-Jahres-Überleben 79 % |
| Phase 2 · Zweitlinie und später · Monotherapie (ESMO Asia 2024) | 75 Patienten (für die Wirksamkeit auswertbar), nach Platin und Immuntherapie | Ansprechen 36 %, medianes progressionsfreies Überleben 4,9 Monate, medianes Überleben 11,4 Monate |
| LiGeR-HN1 · Phase 3 · Erstlinie (Oktober 2026) | Nicht veröffentlicht, PD-L1 CPS ≥1 | Hazard Ratio 0,50 beim Überleben; Odds Ratio 3,17 beim Ansprechen |
| LiGeR-HN2 · Phase 3 · Zweit- bis Drittlinie | Laufend | Petosemtamab als Monotherapie im Vergleich zu einer Behandlung nach Wahl der Prüfärztin oder des Prüfarztes |
In den Phase-2-Studien wurde Petosemtamab alle zwei Wochen als intravenöse Infusion mit 1500 mg gegeben.
Vergleich mit der heutigen Standardbehandlung
Bei rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs richtet sich die Erstlinienbehandlung nach dem PD-L1-Wert (CPS) des Tumors. Die Studie KEYNOTE-048 zeigte, dass Pembrolizumab allein bei Patienten mit CPS ≥1 und Pembrolizumab + Chemotherapie bei allen Patienten ein längeres Überleben ermöglichen als das cetuximabhaltige EXTREME-Schema. Der Kontrollarm von LiGeR-HN1 bestand aus Pembrolizumab allein; ob die Kombination besser ist als Pembrolizumab + Chemotherapie, ist daher unbekannt. In der Klinik ist diese Unterscheidung wichtig: Bei ausgedehnter, beschwerdereicher Erkrankung, bei der der Tumor rasch schrumpfen muss, wird heute meist ein chemotherapiehaltiges Schema gewählt.
Heutiger Standard: medianes Überleben in KEYNOTE-048
Monate. Erstlinie, rezidivierter oder metastasierter Kopf-Hals-Krebs. Grau: Cetuximab + Platin + 5‑FU (EXTREME).
KEYNOTE-048 machte Pembrolizumab allein bei PD-L1-positiven Patienten und Pembrolizumab + Chemotherapie bei allen Patienten zum Standard. Der Vergleichsarm von LiGeR-HN1 ist Pembrolizumab allein; einen direkten Vergleich mit chemotherapiehaltigen Schemata gibt es nicht.
Abbildung 6 · Optionen in der Erstlinie und der mögliche Platz von Petosemtamab
Heutige Optionen je nach PD-L1-Ergebnis (CPS)
Nebenwirkungen: Was ist zu erwarten?
Genmab teilte mit, dass das Sicherheitsprofil der Kombination mit den bekannten Nebenwirkungen beider Medikamente übereinstimmte und keine unerwarteten Signale auftraten; Häufigkeiten wurden noch nicht veröffentlicht. Nach den Phase-2-Daten und den bekannten Effekten der jeweiligen Wirkstoffklassen sind vor allem folgende Probleme zu erwarten:
- Infusionsreaktion: In Phase 2 bei 38 % der Patienten, bei 7 % vom Grad 3; meist bei der ersten Gabe und vorübergehend. Durch ein geändertes Verabreichungsschema ließ sich die Häufigkeit senken.
- Typische Effekte EGFR-gerichteter Medikamente: Akneähnlicher Ausschlag, trockene Haut, Nagelbettentzündung, Magnesiummangel, Durchfall und Mundschleimhautentzündungen sind zu erwarten.
- Immunvermittelte Effekte: Schilddrüsenstörungen sowie Entzündungen von Lunge, Darm, Leber und Haut können auftreten (Nebenwirkungen der Immuntherapie, Nebenwirkungen an den Hormondrüsen).
Warum ist Vorsicht geboten?
Abbildung 7 · Was bekannt ist und was noch nicht
Die Grenzen der ersten Zwischenanalyse
- Zwischenanalyse: Bei früh beendeten oder früh veröffentlichten Studien kann die Effektgröße mitunter größer erscheinen, als sie ist; bei längerer Nachbeobachtung kann sich die Hazard Ratio ändern.
- Offenes Design: Patienten und Ärzte wussten, welche Behandlung gegeben wurde. Das Überleben wird davon nicht beeinflusst, die Bewertung von Ansprechen und Nebenwirkungen aber möglicherweise; deshalb ist es wichtig, dass das Ansprechen in unabhängiger zentraler Bewertung gemessen wurde.
- Vergleichsarm: Der Kontrollarm bestand nur aus Pembrolizumab. Einen direkten Vergleich mit Pembrolizumab + Chemotherapie oder anderen neuen Kombinationen gibt es nicht.
- Folgebehandlungen: Welche Therapien die Patienten im Kontrollarm nach dem Fortschreiten erhielten, wird für die Deutung des Überlebensunterschieds wichtig sein.
- Kosten und Anwendung: Die intravenöse Gabe alle zwei Wochen, die Kosten zweier Antikörper und die Belastung durch eine lange Behandlung wurden noch nicht bewertet.
Wie geht es weiter?
Genmab kündigte an, die vollständigen Ergebnisse auf einem medizinischen Kongress vorzustellen und die Daten mit Zulassungsbehörden weltweit zu teilen; einen Zeitplan für Zulassungsanträge nannte das Unternehmen nicht. Die Phase-3-Studie LiGeR-HN2, die Petosemtamab als Monotherapie bei vorbehandelten Patienten prüft, läuft noch. Bei Kopf-Hals-Krebs werden außerdem weitere chemotherapiefreie Kombinationen erforscht, die EGFR und das Immunsystem gemeinsam angreifen, ebenso therapeutische Impfstoffe bei HPV16-positiven Patienten (PDS0101 + Pembrolizumab). Die vollständige Veröffentlichung – mit medianem Überleben, Ansprechdauer, Lebensqualität und Ergebnissen der Untergruppen – wird zeigen, ob diese Behandlung zum Standard werden kann.
Was bedeutet das für Patienten und Angehörige?
Dieses Ergebnis könnte eine wichtige Veränderung in der Behandlung von rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs ankündigen; an den heutigen Behandlungsmöglichkeiten ändert es jedoch vorerst nichts. Petosemtamab ist in keinem Land zugelassen und kann nur im Rahmen klinischer Studien eingesetzt werden. PD-L1-Test, HPV-Status, Ausdehnung der Erkrankung, Beschwerden und Allgemeinzustand bilden auch heute die Grundlage für die Wahl der Erstlinienbehandlung.
Neben der eigentlichen Therapie sind einige Schritte für alle Patienten wertvoll: Ein Rauchstopp verlängert selbst bei metastasierter Erkrankung die Lebenszeit (der Nutzen eines Rauchstopps selbst im Stadium 4), und weniger Alkohol senkt Nebenwirkungen der Behandlung und das Risiko neuer Tumoren (riskanter Alkoholkonsum bei Krebspatienten). Unterstützung durch Ernährungsfachkräfte und Schlucktherapie bei Schluck- und Ernährungsproblemen (Ernährung und Nebenwirkungen), eine frühe Palliativversorgung bei Schmerzen und anderen Beschwerden (Zugang zur Palliativversorgung) sowie psychologische Begleitung bei der seelischen Belastung durch Veränderungen von Aussehen und Sprechen (psychische und soziale Folgen von Kopf-Hals-Krebs) sollten Teil der Behandlung sein.
Fragen an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt
- Wie hoch ist der PD-L1-Wert (CPS) meines Tumors? Wurde der HPV-Status getestet?
- Ist die für mich empfohlene Erstlinienbehandlung Pembrolizumab allein oder zusammen mit Chemotherapie? Warum?
- Gibt es eine klinische Studie mit Petosemtamab oder ähnlichen chemotherapiefreien Kombinationen, an der ich teilnehmen kann?
- Mit welchen Nebenwirkungen muss ich während der Behandlung rechnen, und bei welchen Beschwerden sollte ich mich sofort melden?
- Welche Unterstützung kann ich bei Problemen mit Schlucken, Ernährung, Schmerzen und Sprechen bekommen?
- Wie und wie oft wird das Ansprechen auf die Behandlung überprüft? Sind neben der Bildgebung auch Bluttests (Flüssigbiopsie) eine Option?
- „50 % Senkung heißt, dass die Hälfte der Patienten geheilt wurde.“ Nein. Die Hazard Ratio zeigt die relative Senkung des Risikos, zu einem beliebigen Zeitpunkt Lebenszeit zu verlieren. Der absolute Gewinn hängt vom Überleben der Kontrollgruppe ab und lässt sich erst berechnen, wenn die vollständigen Daten vorliegen.
- „Das neue Medikament ist zugelassen.“ Nein. Petosemtamab ist in keinem Land zugelassen; veröffentlicht wurde die erste Zwischenanalyse einer Phase-3-Studie.
- „Chemotherapie ist jetzt überflüssig.“ Noch nicht. Die Kombination wurde nicht mit Pembrolizumab + Chemotherapie verglichen, und PD-L1-negative Patienten (CPS <1) wurden nicht in die Studie aufgenommen.
- „Cetuximab richtet sich ja auch gegen EGFR – also ist es dasselbe.“ Nein. Petosemtamab bindet sowohl an EGFR als auch an LGR5 und bewirkt den Abbau von EGFR; für die Kombination Cetuximab + Pembrolizumab gibt es dagegen keine Überlebensdaten aus Phase 3.
- „Bei HPV-positiven Patienten wirkt es nicht.“ Laut der ersten Mitteilung war der Nutzen bei Überleben und Ansprechen unabhängig vom HPV-Status; detaillierte Daten zu den Untergruppen stehen noch aus.
- Petosemtamab ist weder in der Türkei noch in einem anderen Land der Welt zugelassen und kann auch nicht über den Arzneimittelimport aus dem Ausland bezogen werden. Der einzige Zugangsweg sind klinische Studien (Was ist eine klinische Studie?).
- Ob die LiGeR-Studien Zentren in der Türkei haben, lässt sich über ClinicalTrials.gov (NCT06525220, NCT06496178) prüfen.
- Pembrolizumab ist in der Türkei zugelassen; zu den Erstattungsbedingungen der SGK (türkische Sozialversicherungsanstalt) bei Kopf-Hals-Krebs lesen Sie gern unseren Beitrag zur Kostenerstattung von Immuntherapien.
- Wie lange es dauert und auf welchen Wegen neue Krebsmedikamente die Türkei erreichen, zeigt unsere Zugangskarte; wie nicht zugelassene Medikamente nach ihrer Zulassung im Ausland bezogen werden können, erklärt unser Beitrag zum Arzneimittelimport aus dem Ausland.
Häufig gestellte Fragen
- Was ist Petosemtamab?
- Petosemtamab ist ein bispezifischer Antikörper, der als Infusion in die Vene gegeben wird und gleichzeitig an die Rezeptoren EGFR und LGR5 auf der Tumorzelle bindet. Er unterbricht das Wachstumssignal, bewirkt den Abbau von EGFR und lenkt Immunzellen zum Tumor. Er wird von Genmab entwickelt und ist noch nicht zugelassen.
- Was hat die Studie LiGeR-HN1 gezeigt?
- In der Erstlinienbehandlung von PD-L1-positivem rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs senkte Petosemtamab + Pembrolizumab das Risiko, Lebenszeit zu verlieren, im Vergleich zu Pembrolizumab allein relativ um die Hälfte (Hazard Ratio 0,50) und verbesserte das Tumoransprechen. Das Ergebnis stammt aus der ersten Zwischenanalyse; detaillierte Daten wurden noch nicht veröffentlicht.
- Bedeutet eine Hazard Ratio von 0,50, dass die Hälfte der Patienten geheilt wurde?
- Nein. Eine Hazard Ratio von 0,50 zeigt, dass das Risiko, zu einem beliebigen Zeitpunkt Lebenszeit zu verlieren, im Vergleich zur Kontrollgruppe relativ halbiert ist. Wie viele Patienten länger leben – also der absolute Gewinn –, wird sich zeigen, wenn medianes Überleben und Jahresraten veröffentlicht sind.
- Wie kann man Zugang zu einer Behandlung mit Petosemtamab erhalten?
- Petosemtamab ist derzeit in keinem Land zugelassen und kann daher nur im Rahmen klinischer Studien eingesetzt werden. Sie können mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt besprechen, ob eine passende Studie infrage kommt, und auf ClinicalTrials.gov die Zentren der LiGeR-Studien prüfen.
Glossar
- Bispezifischer Antikörper
- Im Labor hergestellter Antikörper, der gleichzeitig an zwei verschiedene Ziele binden kann.
- EGFR
- Epidermaler Wachstumsfaktorrezeptor; ein Rezeptor, der bei den meisten Kopf-Hals-Tumoren in großer Menge vorkommt und Wachstumssignale übermittelt.
- LGR5
- Ein Rezeptor auf den sich selbst erneuernden, stammzellähnlichen Zellen des Tumors.
- PD-L1 und CPS
- PD-L1 ist ein Eiweiß, mit dem der Tumor das Immunsystem bremst; der CPS ist ein Wert, der angibt, wie verbreitet PD-L1 auf Tumor- und Immunzellen ist.
- Hazard Ratio
- Verhältnis des Risikos für ein Ereignis (z. B. den Verlust von Lebenszeit) zu einem beliebigen Zeitpunkt zwischen zwei Gruppen; ein Wert unter 1 bedeutet ein geringeres Risiko in der Versuchsgruppe.
- Konfidenzintervall (KI)
- Wertebereich, in dem der wahre Effekt mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt.
- Odds Ratio
- Verhältnis der Chancen (Odds) für ein Ergebnis (z. B. Tumoransprechen) zwischen zwei Gruppen.
- Zwischenanalyse
- Eine Auswertung zu einem vorab festgelegten Zeitpunkt, bevor die Studie abgeschlossen ist.
- Offen (open-label)
- Studiendesign, bei dem Patienten und Ärzte wissen, welche Behandlung gegeben wird.
- ADCC
- Antikörperabhängige zellvermittelte Zytotoxizität; die Zerstörung einer vom Antikörper markierten Zelle durch Immunzellen wie NK-Zellen.
DROZDOGAN Akademie-Kommentar
Eine Hazard Ratio von 0,50 ist einer der größten relativen Überlebensunterschiede, die wir in den letzten Jahren in der Erstlinienbehandlung von Kopf-Hals-Krebs gesehen haben. Dass eine chemotherapiefreie Kombination dies gegenüber Pembrolizumab allein zeigt, eröffnet die Aussicht auf einen echten Wandel in diesem Feld. Für Entscheidungen braucht es jedoch die vollständigen Daten, nicht eine Unternehmensmitteilung.
⚡ Warum wichtig
Ein erheblicher Teil der Patienten mit Kopf-Hals-Krebs ist älter, hat Begleiterkrankungen und verträgt eine Chemotherapie nur schwer. Für sie könnte eine wirksame chemotherapiefreie Option besonders wertvoll sein.
✅ Stärken
Randomisiertes Phase-3-Design, Gesamtüberleben als primärer Endpunkt, Messung des Ansprechens in unabhängiger zentraler Bewertung, ein enges Konfidenzintervall und ein vom HPV-Status unabhängiger Nutzen. Die hohe Ansprechrate aus Phase 2 scheint sich in Phase 3 bestätigt zu haben.
⚠️ Grenzen
Erste Zwischenanalyse, offenes Design und ein Kontrollarm, der nur aus Pembrolizumab besteht. Daten zu medianem Überleben, Ansprechraten, Nebenwirkungsraten und Lebensqualität fehlen noch; ein Vergleich mit Pembrolizumab + Chemotherapie fand nicht statt.
🩺 In der Praxis
Heute empfehlen wir unseren Patienten je nach PD-L1- und HPV-Ergebnis die bestehenden Standardbehandlungen und prüfen geeignete Patienten für klinische Studien mit chemotherapiefreien Kombinationen. Sobald die vollständigen Ergebnisse veröffentlicht sind, werden wir unsere Empfehlungen aktualisieren.
❓ Offene Fragen
Wie groß ist der absolute Überlebensgewinn? Bleibt der Nutzen langfristig erhalten? Wie schneidet die Kombination im Vergleich zu Pembrolizumab + Chemotherapie ab? Gibt es Unterschiede je nach CPS-Wert? Wie wirken sich die EGFR-bedingten Haut- und Magnesium-Nebenwirkungen bei langer Behandlung auf die Lebensqualität aus?
Fazit: LiGeR-HN1 liefert ein starkes Signal dafür, dass die chemotherapiefreie Kombination aus Petosemtamab + Pembrolizumab die Erstlinienbehandlung von PD-L1-positivem rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Krebs verändern könnte. Das Medikament ist jedoch nicht zugelassen, und die Ergebnisse stammen aus der ersten Zwischenanalyse; bis die vollständigen Daten vorliegen, bleiben die bestehenden Standardbehandlungen gültig.
- Dieser Beitrag wurde im Oktober 2026 erstellt.
- Die Ergebnisse von LiGeR-HN1 beruhen auf der Mitteilung von Genmab vom 28. Oktober 2026 und auf Nachrichtenquellen, die darüber berichtet haben; einen begutachteten Fachartikel oder eine Kongresspräsentation gibt es noch nicht. Patientenzahl, medianes Überleben und Nebenwirkungsraten wurden nicht veröffentlicht.
- Die Phase-2-Daten stammen aus Unternehmensmitteilungen und Kongressbeiträgen (ASCO 2025, ESMO Asia 2024).
- Grafik und Abbildung, die die Umrechnung der Hazard Ratio in einen absoluten Unterschied zeigen, sind hypothetisch; die Raten der Kontrollgruppe wurden nahe den Werten aus KEYNOTE-048 gewählt und sind keine Ergebnisse von LiGeR-HN1.
- Ansprech- und Überlebenszahlen aus verschiedenen Studien lassen sich nicht direkt vergleichen. Die Abbildungen sind vereinfacht. Der Akademie-Kommentar gibt unsere eigene Einschätzung wieder.
- Dieser Beitrag ist keine medizinische Beratung; Behandlungsentscheidungen sollte das Team treffen, das Sie persönlich kennt.
Quellen
- OncLive. Petosemtamab plus pembrolizumab hits phase 3 OS, ORR primary end points in PD-L1+ R/M HNSCC. 28. Oktober 2026. onclive.com
- BioPharm International. Genmab's petosemtamab plus pembrolizumab LiGeR-HN1 phase 3 results. Oktober 2026. biopharminternational.com
- ClinicalTrials.gov. LiGeR-HN1 (NCT06525220). clinicaltrials.gov
- ClinicalTrials.gov. LiGeR-HN2 (NCT06496178). clinicaltrials.gov
- Merus. Petosemtamab with pembrolizumab interim data in 1L PD-L1+ r/m HNSCC (ASCO 2025, Abstract 6024). Juni 2025. santelog.com
- Merus. Petosemtamab monotherapy interim data in 2L+ r/m HNSCC (ESMO Asia 2024). Dezember 2024. 1stoncology.com
- Oncology Nursing News. Petosemtamab/pembrolizumab receives FDA breakthrough therapy designation for PD-L1+ HNSCC. 28. Februar 2025. oncnursingnews.com
- pharmaphorum. Genmab agrees $8bn takeover of cancer biotech Merus. September 2025. pharmaphorum.com
- Burtness B, Harrington KJ, Greil R, et al. Pembrolizumab alone or with chemotherapy versus cetuximab with chemotherapy for recurrent or metastatic squamous cell carcinoma of the head and neck (KEYNOTE-048): a randomised, open-label, phase 3 study. Lancet 2019;394:1915-1928. doi:10.1016/S0140-6736(19)32591-7
- Vermorken JB, Mesia R, Rivera F, et al. Platinum-based chemotherapy plus cetuximab in head and neck cancer. N Engl J Med 2008;359:1116-1127. doi:10.1056/NEJMoa0802656
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